Pippi oder Potter? lautet der Titel eines Essays in derStandard.at vom 30. Januar 2009.
Ich bin ein großer Pippi-Fan – vor allem durch meine Tochter, die tagelang die gleichen Pippi-Cassetten anhören mag. In meiner Kindheit dagegen spielten Pippi Langstrumpf und Astrid Lindgrens weitere Bücher und Romanfiguren kaum eine Rolle, ich wuchs mit der Augsburger Puppenkiste und den Geschichten von Michael Ende, Max Kruse und anderen, mit Karl May und Mark Twain auf. Mein Sohn ist ein sehr großer Harry Potter-Fan. Jedenfalls machte mich schon der Titel neugierig – und der Untertitel noch mehr:
Die Pädagogik der westlichen Welt wird immer mehr zu „Hogwarts“ – Ein Essay über Kindheitslektüre und das Produzieren von Trivialmaschinen
Fazit für mich: Der Essay ist lesenswert. Sicher könnte man an diesem Thema noch viel mehr Facetten finden. Spontan fiel mir etwa die Zunahme von Kindergärten mit bezeichnenden Namen wie „Villa Kunterbunt“ und die wachsende alternativpädagogische Szene ein, aber auch dass Harry Potter immer häufiger zur Schullektüre wird, was ich persönlich recht suspekt finde. Nicht nur, weil ich selber nicht zu den Fans zähle, sondern auch, weil ich mir nicht vorstellen möchte, dass die Lieblingslektüre vieler Kids in der Schule fein säuberlich seziert und analysiert wird. Fahren die Kids wohl wirklich auf eine Pädagogik, die zum Gehorsam erzieht, ab, oder versenken sie sich deshalb so sehr in diese Lektüre, weil sie der Erziehung zum Gehorsam so sehr ausgesetzt sind, dass ihnen diese Romane irgendeine Art von Erleichterung verschaffen können? Ist vielleicht das Heranziehen von Harry Potter als Schullektüre eine besonders perfide Art pädagogischer Übergriffigkeit?
Aber zurück zum Essay:
Von Einsamkeit ist die Rede, von Kindheitslektüre – und von Bildung. „Am Weg saß ein Schweinchen und weinte. Petzi und seine Freunde hörten es und liefen schnell zu ihm.“ Das sind die ersten Sätze, die ich lesen konnte, der Beginn des Pixi-Buches Petzi hat keine Angst. Sie vermittelten mir eine Ahnung davon, was im Leben Bedeutung hat, nämlich Freunde, und dass man lernt, ohne Eltern auszukommen. Heute weiß ich, dass sie mir vermittelten, was brauchbare Kinderliteratur ausmacht, nämlich, dass sie einigermaßen ohne Eltern auskommt. Petzi tut das, und Pippi tut es auch; ihre Mutter ist tot, und die Nähe zum Vater, König von Takatukaland, erträgt sie nur ganz kurz.
Überhaupt verzichtet sie auf alles, was man mit dem Begriff Erziehung verbindet. Einzig das Schulsystem in Argentinien lässt sie gelten: Da fangen die Oster- drei Tage nach den Weihnachtsferien an, und dann dauert es nur drei Tage bis zum Beginn der Sommerferien. Die Sommerferien ihrerseits hören am 1. November auf, und dann muss man sich abrackern, bis am 11. November die Weihnachtsferien beginnen. Schularbeiten sind in Argentinien verboten; nur manchmal kommt es vor, dass sich ein Kind in einen Schrank schleicht und Schularbeiten macht; aber wehe, wenn das jemand sieht. Das ist gute Kinderliteratur; vor allem für ein Lehrerkind wie mich war es das. Am besten allerdings gefiel mir die Art, in der Pippi schläft, die Füße auf dem Kopfpolster und den Kopf tief unter der Decke, in Anlehnung an die Art, in der Menschen in Guatemala schlafen, die einzig richtige Art zu schlafen überhaupt.
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Was passiert dort, wo die „Traummännlein“ -Melodie erklingt und man mit Pippi Langstrumpf den Kopf unter die Bettdecke steckt, obwohl es so nicht vorgesehen ist? Es tut sich eine Zone des Weltvergessens auf, des Realitätsverzichtes, zugleich eine Zone der auditiven Wachheit, eine Situation, die in ihrer regressiven Freiheit an Zeiten erinnert, da man schon hören und fühlen konnte, einem die Weltbetrachtung im visuellen Sinn jedoch noch erspart geblieben ist. Das Kind füllt diesen akustisch und taktil definierten Raum mit Eigenem, mit Bildern, Ideen, traumhaft umgeformten Ängsten und Sehnsüchten, und erzielt, sofern es dabei nicht gestört wird, das, was man in einer psychoanalytischen Terminologie die libidinöse Besetzung des eigenen Imaginationsvermögens nennen kann. Die Verknüpfung von Vorstellung, Lust und Normenübertretung, das ist es, was nicht nur Sexualität nett macht, sondern vor allem aktive, neugierige, engagierte Welterfahrung ermöglicht, das, was wir in einem meines Erachtens viel zu umfassenden Sinn „Lernen“ nennen.
Ach ja, und der freie Raum, der für Kinder früher da war, bis sie in die Schule kamen, und auch dann noch an allen Nachmittagen und in allen Ferien da war, der wird immer mehr geschrumpft, welches Dreijährige geht denn nicht in den Kindergarten – der ganz modern selbstverständlich frühkindliche Bildung vermittelt – bald werden es schon die Einjährigen sein.
Vorstellung, Lust und Normenübertretung, also Ungehorsam, als Grundlagen des neugierigen, forschenden, buchstäblich „eigensinnigen“ Lernens, das ist in unserem primär selektionsorientierten Erziehungssystem nicht vorgesehen. Die Menschen tun es trotzdem, so weit die gute Nachricht, und merken sich letztlich, worauf sie Lust haben und was ihnen nützt und was nicht.
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Systeme aber, die auf Triebunterdrückung basieren, denen es darum geht, den Voldemort im Menschen, also Lust und Aggression unter Verschluss zu halten und zu kontrollieren, neigen zur Systematisierung und Ausweitung wie in der Psychiatrie der Wahn. Die ganze Welt wird Hogwarts, man lernt unter Aufsicht ein Leben lang, kriegt alle paar Jahre die Prüfplakette und knapp vor dem Tod machen alle die gleiche Matura. Die Humboldt’sche Maxime, Ziel der Pädagogik sei es, Kinder ins Erwachsenenalter zu führen und selbstständiges Lernen zu ermöglichen, wobei die Fähigkeit zu Letzterem in der Regel mit dem Erlangen der Universitätsreife erreicht sei, gilt längst nicht mehr. Gymnasium und Studium funktionieren zunehmend gleich, Originalität ist verdächtig, und Ungehorsam führt zum Rauswurf.
Die ganze Welt wird Hogwarts – ja, das hatte auch etwas anders formuliert schon Ivan Illich zum Schluss seiner Entschulung der Gesellschaft geschrieben. Jedenfalls habe ich es so verstanden. Kann man hoffen, dass der im Innersten ungehorsame, neugierige, forschende, eigensinnig lernende und sich bildende Mensch auch dieses weltweite Hogwarts letztendlich zum Einsturz bringen wird.
Der Essay von Paulus Hochgatterer ist die gekürzte Fassung einer Preisrede zur Verleihung des österreichischen Radiopreises für Erwachsenenbildung.
Mit Dank an godany, dessen Kommentar zu 1000Sunny’s Das Ausmaß der Hilflosigkeit mich auf den Essay Pippi oder Potter aufmerksam machte.