Vor nicht allzu langer Zeit gab es eine rege Diskussion über Sozialisation, Integration usw. bei mir auf mein Blog…Im nachhinein hatte ich eine Leserin privat geschrieben und bekam folgende Antwort.  Ich finde, es ist einfach eine große Hilfe für mich  zu wissen, was “die anderen” so über meine (unsere?) Schreibweise denken… darum poste ich es hier:
Inzwischen hatte Rautierchen den genialen Idee, heirzu ein “Stöckchen” zu werfen.  Also, wenn ich von eine beantwortete Frage einen Link (Kontakt Anitz) bekomme, dann setze ich den Link von hier…  
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Liebe Anitz,

ich finde die Idee des Unterrichts zuhause in keiner Weise schlecht. Im Gegenteil.  Ich bin nur der Meinung, dass es noch viel zu viele unbeantwortete Fragen dazu gibt, die es zu klären gibt, bevor man dies zulassen sollte.

Ich stelle einfach mal ein paar in den Raum:

1. Wer überprüft die Lehrinhalte der Schüler und ihre Fortschritte? (Beispiel:  Deutsche Fernschule)
2. Wenn das von einer objektiven Stelle überprüft wird, wer zahlt diesen Mehraufwand? Die Eltern? (Beispiel:  Deutsche Fernschule)
3. Wenn es die Eltern zahlen, wie geht man dann mit finanziell schlechter gestellten Schülern um? Ihnen wird also die Möglichkeit des Heimunterrichts verwehrt.
4. Falls es aus staatlichen Mitteln finanziert werden soll, wie rechtfertigt man die  Einsparungen im Bildungssystem, wenn auf der anderen Seite für 3-4% der Schüler ein Mehraufwand finanziert wird?
5. Sollen Prüfungen (Abitur?) abgelegt werden, um den Schülern später die Möglichkeit eines Studium an einer Universität zu ermöglichen?
6. Wenn Prüfungen abgehalten werden, wer soll sie durchführen und bezahlen? Sollen die Schüler an staatlichen Schulen ihr Abitur ablegen? Ist das nicht ein klarer Nachteil für die Schüler, die zuhause unterrichtet wurden? Sie kennen unter Umständen nicht die Inhalte des Schulunterrichts.
7. Wer ersetzt beim Unterricht zuhause die Arbeiten in der Gruppe? Die Projektarbeiten? Das Lernen von anderen Schülern durch Diskussion mit Gleichaltrigen? (Beispiele aus Kanada, Österreich, der Schweiz)
8. Wer garantiert die Qualifikation der Eltern? 
9. Wer überprüft, ob in der zeit zuhause wirklich unterrichtet wird und die Kinder nicht unter Umständen herangezogen werden zur Hausarbeit, Arbeit, o.ä.? 
10. Wer übernimmt das Unterrichten der Sprache “Deutsch”, wenn es beim Heimunterricht keine deutschsprachigen Eltern gibt? Und darf man dann den  Heimunterricht verwehren? (Eine Möglichkeit…)
11. Darf jeder zuhause unterrichten? Wenn nein, wer überprüft das und wer zahlt diese zusätzlichen Überprüfungen?
Mir fallen sehr viele offene Fragen auf, die meines Erachtens nach einer Anerkennung noch im Wege stehen. Aber wahrscheinlich wisst Ihr das auch oder arbeitet bereits daran.

Das Problem ist nur, dass viele Verfechter des Unterrichts zuhause sehr radikal sind. Und eigentlich nicht wirklich eine Auseinandersetzung möchten, eine Diskussion,  ein Gespräch darüber, sondern einfach nur “mit dem Kopf durch die Wand” und ihren Willen durchsetzen. Verständlich, aber leider kontraproduktiv, besonders im Umgang mit Behörden… Mir ist auch vorhin wieder aufgefallen, dass meist die Argumente für das Homeschooling damit begründet werden, dass die Regelschule nicht gut ist.
Und leider die Nachteile des Heimunterrichts außer Acht lassen.

Sprich: mehr die positiven Aspekte des Heimunterrichts herausstellen und vor allem die Konkurrenz zur Regelschule durch wirkliche Argumente stärken. Also zum Beispiel aufzeigen, wodurch der Heimunterricht qualitativ (!) bestehen kann gegen die Regelschule. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal mehr auf den täglichen Schulalltag zuhause einzugehen, auf die Inhalte des Lehrstoffes, die Art des Unterrichts, die Qualifikation der “Lehrer”.

Dass Ihr alle menschlich (!) dazu bereit und wohl auch fähig seid, weil ihr das beste für Eure Kinder möchtet, steht außer Frage. Die Frage nach der fachlichen, thematischen Qualifikation steht jedoch auch im Raum – und meist unbeantwortet. Wenn ich einige der Kommentare lese, zweifle ich an der Fähigkeit, die Kinder z.B. im Fach “Deutsch” effizient und konkurrenzfähig zu unterrichten.

Was passiert also mit einem Kind, dass jahrelang zuhause unterrichtet wurde und dann bemerkt, dass ihm grundlegende Voraussetzungen zur Aufnahme auf eine Universität fehlen? Dass es nicht zum Studium zugelassen wird? Weder hier, noch in einem anderen Staat mit standardisiertem Bildungssystem? Soll man also wegen 3-4% der Schüler, die sich nicht an ein standardisiertes Bildungssystem halten möchten das ganze System ändern? Was ist, wenn andere auch Sonderwünsche zu Ihrem Schulweg haben? Wo zieht man die Grenze?

Es gibt viele Länder, in denen gibt es keine Schulpflicht. Die Quintessenz ist, dass  es unzählige Analphabeten gibt. Soll man also die Schulpflicht abschaffen, weil  3-4% der Eltern in der Lage sind, mit dem Lernstoff ihrer Kinder selbstständig umzugehen? Wären nicht die Nachteile für den Rest der Kinder zu groß? Ist also die Schulpflicht  das kleinere Übel, um viele Kinder vor einem Bildungsloch zu schützen auf Kosten von sehr wenigen Kindern, deren Eltern lieber zuhause unterrichten würden?

Du schreibst über Egoismus, bzw. Captain Kirk. Sollten nicht die Verfechter des Homeschooling zu Gunsten der Kinder, denen eine Schulpflicht hilft und die in der Überzahl sind, auf Ihre Wünsche verzichten? 

Wären die wirklichen, realen Konsequenzen für die Gesellschaft nicht schlimmer, wenn die Schulpflicht aufgehoben würde?

Ich schreibe das nicht, weil es explizit meine Meinung ist, sondern um Dir vielleicht die Sicht der meisten, auch der Entscheider, zu verdeutlichen. Die Entscheider müssen abwägen, was die Konsequenzen wären. Für Euch bedeuten die Konsequenzen etwas positives. Für viele andere aber nicht… Und das müssen die Entscheider auch  berücksichtigen. Die Konsequenzen für alle anderen.

Vielleicht würde es Eurer Sache helfen, wenn Ihr positiver berichtet. Wenn ihr nicht immer das Schulsystem angreifen würdet, sondern Alternativen bietet, ohne das System an sich schlecht zu machen.

Vielleicht solltet Ihr aufhören immer nur schlecht zu machen. Sondern das Positive herausstellen. Ihr veröffentlicht Artikel über negative Schulbeispiele. Veröffentlicht doch mal Berichte über positive Homeschooling-Erfahrungen. Auch aus anderen Ländern. Zeigt Alternativen, aber macht nicht das andere schlecht. Wer angreift, wird nicht mehr angehört… Ein Angriff auf das Schulsystem bewirkt nur, dass sich  das Schulsystem verteidigt. 

Ich hoffe, dass ich Dir mit meiner Email ein paar offene Fragen in Bezug auf die Ansichten einer “Nicht-Homeschoolerin”, einer Frau, die sich dem Thema einfach mal “nur so” nähert und den Part des Advocatus diaboli übernimmt, um die auftretenden Missverständnisse und “Löcher” in Eurer Berichterstattung aufzuzeigen.
Unterzeichnet, eine deine Leserinnen
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Zum ersten Mal in meiner Blogtätigkeit erlaube ich hierzu keine Kommentare.  Wenn du ergänzend noch Fragen an uns hast, oder gar Antworten, dann melde dich bitte über unser Kontaktseite.  Danke für dein Verständnis. 
Wir freuen uns über eine Rege Austausch mit unseren Leser und schätzen die Zeit, die ihr nimmt, um uns etwas genauer an euren Gedanken teilzuhaben…  Möchtest du dich auch am “Bildungsstöckchen” beteiligen?  Dann ebenfalls Anitz kontaktieren (über die Kontaktseite).