Ein Artikel aus NEUES DEUTSCHLAND, in der Printausgabe vom 17.03. zum Thema Homeschooling.
Letzte Konsequenz: Homeschooling
Die Schulpflicht erlaubt nur Ausnahmen, aber manche Eltern nehmen die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand
Von Tom Mustroph
Das deutsche Schulsystem löst Verunsicherung aus. Bildungspolitiker streiten über Schulsysteme, Bildungsexperten über Formen und Methoden. Eltern und Schüler sind aufgefordert, sich um die bestmöglichen Bildungschancen zu bemühen, sind aber tendenziell überfordert, die richtige Schule für ihre Kinder auszuwählen. Eine Konsequenz, die Eltern aus dieser Malaise ziehen, ist, die Sache der Bildung selbst in die Hand zu nehmen.
In Form der Mitarbeit bei Schulvereinen oder gar der Mitarbeit bei Schulgründungsvereinen unternehmen sie das häufig. Doch aus Sicht mancher Eltern sind auch hier Beharrungsmomente und Widerstände so groß oder die materiellen Möglichkeiten so begrenzt, dass sie den Weg der eigenverantwortlichen Bildung ihrer Kinder mit allerletzter Konsequenz gehen. Das bedeutet dann Homeschooling.
In der Bundesrepublik Deutschland ist das gesetzlich verboten. Nur Ausnahmen sind erlaubt. Bei langer Krankheit etwa dürfen Kinder zu Hause den Stoff halber Schuljahre nachholen. Eltern, die in einem Land arbeiten, in dem keine adäquate Schule zu finden ist, wird gestattet, den Unterricht ihrer Kinder zu Hause zu organisieren. Dabei gelten die deutschen Rahmenpläne. Doch auch über diesen Personenkreis hinaus betreiben Eltern in Deutschland Homeschooling. Zu einem Teil sind dies Eltern, die aus religiösen Gründen (es handelt sich meist um Christen) mit einem Teil des Schulstoffes nicht einverstanden sind. Es häuft sich aber auch die Zahl der Eltern, die wegen der Mängel der Schulen den Unterricht lieber selbst übernehmen wollen.
Carola Winter ist eine von ihnen. Die studierte Molekularbiologin hat ihren Sohn Max vor zwei Jahren wegen des häufigen Unterrichtsausfalls aus der ersten Klasse einer Grundschule genommen und zu Hause unterrichtet. In der oberen Etage des Einfamilienhauses im Grunewald ist eine Schulecke eingerichtet. Ein Schreibtisch steht dort, Lehrmaterialien sind in Fächern geordnet, Landkarten hängen an der Wand. Nicht immer fand der Unterricht hier statt. Manchmal sind Mutter und Sohn ins benachbarte Kinderzimmer gewechselt, manchmal sind sie in den Garten gegangen. Der Unterricht begann zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr, nachdem der Vater, ein Musiker, das Haus verlassen hatte und zur Arbeit gegangen war.
Ungefähr 90 Minuten haben sich die beiden mit den viel Konzentration erfordernden Aufgaben beschäftigt. Danach gab es eine lange Pause und dann waren, ebenfalls ungefähr 90 Minuten lang, sinnlichere Fächer wie Sachkunde an der Reihe. Die werden oft als Projektarbeit gestaltet. Max hat sich ein Thema ausgesucht, dazu recherchiert und das Wissen in einem Vortrag gebündelt.
An manchen Tagen haben die beiden im Garten Fangen gespielt. Eine Musikerin bringt dem Jungen Klavier- und Gitarrespiel bei. Am Nachmittag geht er mit Freunden zum Reiten und zu einem Töpferkurs. Oft kommen die Freunde auch ins Haus, so dass er Kontakt mit Gleichaltrigen hat. Einmal die Woche besucht er einen Hochbegabtenkurs für Biologie und Chemie. Freitags ist der Exkursionstag. Da ging es zum Beispiel in die Domäne Dahlem, um auf einer alten Waage Maße und Gewichte anschaulich zu machen oder ins KaDeWe, als dort ein Aussteller Kinder in avancierte Legotechnik eingeführt hatte.
Die bisherige Bilanz sieht aus Perspektive von Carola Winter positiv aus: »Wir haben festgestellt, dass wir viel schneller durch den Stoff kommen. Wir brauchen ungefähr ein Drittel der Zeit«, sagt sie. Orientierungspunkt waren die Berliner Rahmenpläne. »Über das Netzwerk Homeschooling, in dem auch einige an staatlichen Schulen angestellte Pädagogen mitarbeiten, sind wir an die Lehrerhandbücher gekommen. Die sind übersichtlich aufgebaut. Jede Schulbuchseite ist darin erklärt und es werden Vorschläge für Übungen und die Häufigkeit der Wiederholungen gemacht«, erklärt sie. Am Anfang hatte sie wegen der Schnelligkeit von Max befürchtet, dass er nur oberflächlich gelernt hatte. »Aber dann hatte ich mich überzeugt, dass das Wissen auch sitzt. Bei zuviel Wiederholungen hat sich Max gelangweilt. Also sind wir weitergegangen.«
In zweieinhalb Jahren Hausschule haben die beiden dreieinhalb Schuljahre absolviert. Auch sozial sieht sie Vorteile in ihrer Schulwahl. »Der Kontakt zum Kind intensiviert sich. Man weiß viel besser, womit es sich beschäftigt.« Max, zum Vergleich von Regelschule und Hausschule befragt, gibt der familiären Variante den Vorzug. »Es macht mehr Spaß. Ich lerne mehr«, sagt er. Dass seine Mutter nun die absolute Zentralgestalt seines Lebens ist, scheint den 9-Jährigen nicht zu stören. Gegenwärtig geht er allerdings wieder in die vierte Klasse einer Grundschule. »Wir hatten uns bemüht, für die Aufnahme ins Gymnasium eine externe Prüfung ablegen zu dürfen. Aber das wurde uns nicht gestattet«, erzählt die Mutter. Zugangsberechtigung für das Gymnasium ist das Halbjahreszeugnis der vierten Klasse.
Carola Winter ist keine dogmatische Hausschulverfechterin. Ihren jüngeren Sohn Martin hat sie im Herbst in die erste Klasse eingeschult. »Im Kindergarten war so viel Vorfreude auf die Schule erzeugt worden, dass ich ihm diese Erfahrung nicht nehmen wollte«, erklärt sie. Sie bedauert diese Art der Konditionierung für das Schulsystem ein wenig, richtet sich aber nach den Wünschen des Kindes.
Homeschooling in Deutschland ist mit einem gewissen Risiko behaftet. Weil es formal nicht erlaubt ist es besteht Schulpflicht werden Eltern manchmal geduldet, manchmal aber auch von staatlichen Stellen verfolgt. Die Homeschoolingszene weiß von Gerichtsverfahren und angedrohten Gefängnisstrafen zu erzählen. Carola Winter hat von Familien gehört, die es aus diesem Grunde vorgezogen haben, auszuwandern.
In anderen Ländern ist Homeschooling erlaubt. In den USA werden laut amtlicher Statistik 2,2 Prozent der Kinder zu Hause unterrichtet, das betrifft 1,1 Millionen Kinder (Stand 2003). In Großbritannien geht man von 50 000, in Australien von 20 000 Kindern aus. Außer der großen Gruppe religiös divergenter Eltern (40 Prozent der Homeschooling-Eltern in den USA haben sich aus religiösen Gründen dafür entschieden) gehören viele der Eltern, die Homeschooling wagen, den so genannten bildungsnahen Schichten an. Sie wollen ihren Kindern einen besseren Start ins Leben ermöglichen.
Für Homeschooling im Grundschulalter gibt es viele gute Gründe. Die Leistung von Grundschülern ist weniger vom Schulsystem als von der Intensität der Betreuung und Zuwendung abhängig, legen aktuelle Studien nahe. Engagierte Eltern können sich den Grundschulstoff wohl auch leichter erarbeiten. Mit einer ausgebildeten Grundschullehrerin will sich Carola Winter dennoch nicht vergleichen. »Ich kann mein Kind unterrichten. Für den Unterricht einer ganzen Klasse sind ganz andere pädagogische Fähigkeiten notwendig«, sagt sie klipp und klar. Von einer befreundeten Familie in den USA weiß sie, dass Homeschooling auch in höheren Klassenstufen erfolgreich sein kann. »Je höher die Klasse, desto mehr wird auf das eigenständige Erarbeiten gesetzt. Dennoch beschäftigt sich auch die Mutter mit dem Schulstoff und kann das Lernpensum in die richtigen Bahnen lenken«, hat sie erfahren.
Für bildungsnahe Eltern kann Homeschooling durchaus zur Alternative werden. Allerdings müsste sich da zuerst die deutsche Rechtssprechung von der Schulpflicht hin zur Pflicht auf Bildung verändern. Die Bildungspflicht wiederum gäbe Eltern die Möglichkeit, von den Schulen adäquate Leistung zu verlangen. Außerdem müsste die Schulaufsicht auch eine fachliche Kontrolle der Homeschoolingfamilien gewährleisten. Carola Winter wäre damit vollauf einverstanden.
Gegen die Umwandlung der Schulpflicht in eine Bildungspflicht spricht lediglich, dass die Schulfreiheit Tendenzen zur Parallelgesellschaft verstärken könnte. Schule als Instrument zur Zwangsassimilation wäre allerdings ein missverstandener Bildungsauftrag.
1. April 2008 at 6:20
Wow, Eljascha, eine interessante Artikel, vielen Dank!
Eine Frage habe so auf der Schnelle:
Ich dachte, wir haben längst Parallelgesellschaften — und diese haben nichts mit eine Umwandlund der Schulpflicht in eine Bildungspflicht zu tun?
Und befürchten andere Länder, wo „homeschooling“ erlaubt ist, diese Bildung von Parallelgesellschaften? Wie sieht das in der Schweiz, in Österreich aus?
2. April 2008 at 3:22
Das Parallelgesellschafts-Argument ist irgendwie einfach ein Totschlag-Argument, das nicht wirklich haltbar ist. Über Schweiz (wo Homeschooling in jedem Kanton anders geregelt ist) weiß ich nicht wirklich Bescheid, aus Österreich, wo die Anzahl derjenigen, die Häuslichen Unterricht machen, wohl eher unbedeutend ist, habe ich in puncto Parallelgesellschaften noch nie irgendwelche Vorbehalte gehört.
Beim letztjährigen Internationalen Kolloquium zu Home Education gab es einen sehr guten Vortrag zum Thema Parallelgesellschaften. Diesen Vortrag gibt es beim Netzwerk Bildungsfreiheit zu lesen, sowohl im Original (englisch) – http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/EN/HE_Koll_Donnelly.pdf – als auch in deutscher Übersetzung – http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/pdf/HE_Koll_Donnelly.pdf.
In England und Frankreich, die beide einen relativ hohen Anteil an moslemischer Bevölkerung haben, machen auch moslemische Familien Homeschooling. Und nicht mal da gibt es diese bescheuerte Angst, daß daraus gefährliche Parallelgesellschaften erwachsen könnten. (Ein großes Argument deutscher Politiker gegen Homeschooling ist, daß es dann auch moslemische Familien machen würden, und das müßte man auf jeden Fall vermeiden. Ich denke übrigens, daß diese Politiker da leider nur wiedergeben, was unter der Bevölkerung als großes Angstgespenst auch umhergeht.)
2. April 2008 at 6:22
Eljasch, du schreibst:
Und das ist glaube ich genau umgekehrt: Die Politikern geben die Bevölkerung etwas vor, was diese dann als großes Angstgespenst ansehen soll. Die Tatsache ist: Das Volk hat u.a. tagtäglichen (regelmäßig oder von mir aus gelegentlich) Kontakt mit Moslems und, entweder sind sie völlig normal und man kommt gar nicht auf die Idee, dass sie Moslems sind (so, wie manche katholisch–oder sonst was sind–und man „erkennt“ es nicht), oder man weiss davon und es ist dennoch ein ziemlich normaler „Gegenüber“, mit der ich zu tun habe.
Lange habe ich darüber nachgedacht (ein leicht anderes Thema): Zeigt uns das Fernsehen, wie es in Deutschland aussieht–sprich, das, was man hier vorfindet wird in den Prgramm reflektiert? Oder zeigt das Fernsehen, wie es in Deutschland aussehen sollte, könnte? Also, hat es eher eine „form-gebende“ Funktion? Langsam glaube ich letzteres.
In der Politik ist es nicht anders, glaube ich.
Wir bekommen gesagt (seitens der Politik): Familienfreundlich ist wenn alle dem Kind zugehörige Personen (sprich die Eltern) ganztags arbeiten gehen und das Kind ganztags fremdbetreuen lässt. Hinzu kommt, dass möglichst alle diese Kinder vom Staat fremdbetreut werden sollen. Ich stelle die Behauptung auf: dies ist nicht der Erfolg eine Lobby-arbeit der Eltern, noch eine Lobby-arbeit der Kinder, sondern eine IDEE der Politik, der uns in den Köpfen über Jahre hineingesteckt wurde.
Und genauso sehe ich das mit den Parallelgesellschaften.
Was hier passieren muss: Die Bevölkerung muss aufwachen und erkennen, dass das, was die Politik von sich gibt, entspricht nicht die Realität und ist WELTFREMD und ferner dahin kommen, um laut genüg zu sagen: OHNE MICH! (Also, es muss eine Form der politische Konsequenzen geben, das vom Volk aus herkommt…)
Nun, ich schätze, wir werden unsere Ärmeln noch etwas höher krempeln müssen…
Danke für die Links zu Parallelgesellschaften… ich werde sie die Tage in Ruhe durchlesen… vielleicht können, sollen wir auf diese Informationen in einen getrennten Beitrag nochmals Bezug nehmen…
2. April 2008 at 2:35
Wenn ich es mir recht überlege, Anitz, dann trifft, was Du schreibst, schon zu:
Und zwar in Bezug auf die Medien genauso wie in Bezug auf die Politiker (das Beispiel Familienpolitik hat mich überzeugt, da werden wirklich Modelle vorgegeben, wie es sein soll, und die Menschen folgen diesen Modellen).
2. April 2008 at 5:51
*Anmerkung: Und genauso wird die öffentliche Meinung immer wieder gelenkt auf eine Schulpflicht…
(anstelle von Bildungspflicht).
5. April 2008 at 1:40
[...] von Stefan am Samstag, 5. April 2008 Im Weblog »Bildungsvielfalt« findet sich ein Artikel über Homeschooling aus der Printausgabe von »Neues Deutschland«. Kommentar [...]