Juni 2010


Zur Petition für die Straffreistellung von Hausunterricht in Deutschland gibt es eine sehr lebhafte Diskussion. Es wird daraus ersichtlich, dass alle Vorurteile gegen den Hausunterricht und das Lernen ohne Schulbesuch bereits durch Studien aus Ländern, wo schulbesuchsfreies Lernen lange Tradition hat, widerlegt sind. Dennoch werden immer wieder diesselben Argumente zur Beründung der deutschen Schulanwesenheitspflicht angeführt – gebetsmühlenartig.

In diesem Beitrag fasse ich eines der gewichtigsten Argumente der Kritiker heraus und zeige, wie widersinnig dieses Argument ist.

Ein Vorwurf gegen Hausunterricht und Lernen ohne Schulbesuch lautet ja:
Das können höchstens Eltern mit hohen Bildungsabschlüssen oder evt. gar nur solche, die selber Lehrer sind. Eltern aus „niedrigeren Schichten“ und mit geringem Bildungsniveau können das niemals. Oder so ähnlich …

Nun dazu Fakten:

Auf der anderen Seite kann der Staat hierzulande keine besonderen Erfolge bei der Beseitigung der Bildungsbenachteiligung bestimmter sozialer Schichten vorweisen. So attestieren Studien beim deutschen Schulsystem einen auffälligen Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft. 2006 schreibt darüber das Bundesministerium für Bildung: „Zudem entscheidet in keinem anderen Industriestaat die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland.“

Quelle: Bayerischer Rundfunk – BR-online vom 13.08.2008
„Zwischen Elitenbildung und Bildungsanspruch“ (Sendung zu Privatschulen)

Und dann aus einer britischen wissenschaftlichen Arbeit von Paula Rothermel aus dem Jahr 2004 („journal of early childhood research“ – PDF-Dokument S. 22):

The fact that findings here contradict the many studies linking social class to low attainment (e.g. Feinstein, 2002) suggests that policy makers might do well to study the home-education model and explore ways in which the benefits could be adapted into mainstream education.

Rothermel fasst hier zusammen, was sie zuvor u. a. ausführlicher beschreibt und belegt, dass die sozi-ökonomische Herkunft bei Home Education (wie es in Großbritannien heißt) und der Bildungserfolg kaum Korrelation zeigen. Sie führt auch Begründungen dafür an. (Der Titel der Arbeit lautet: „home-education comparison of home- and school-educated children on PIPS baseline assessments“)

Ein solches Ergebnis, das zeigt, dass sozio-ökonomische Herkunft und Bildungserfolg bei schulbesuchsfreier Bidlung (meist sogar weit) weniger stark korrelieren als bei der üblichen Schulbildung ist nicht auf Großbritannien beschränkt, Studien aus anderen Ländern belegen dies.

Da in Deutschland die Diskrepanz zwischen Bildungserfolg und Herkunft so enorm ist, ist die Forderung nach der legalen Möglichkeit schulfrei zu lernen sogar eindeutig im Sinne des Kindeswohles & der Chancengleichheit & des sozialen Friedens & der Antidiskriminierung & der Wirtschaft. Meines Erachtens stehen die Bundesregierung sowie die Länderregierungen und alle Verantwortlichen hier eindeutig in der Pflicht! Versagen sie die legale Möglichkeit schulfreier Bildung weiterhin mit fadenscheinigen „Begründungen“, so machen sie sich eindeutig schuldig an besonders denjenigen, die hier keine oder kaum Aufstiegschancen haben – entgegen aller Propaganda von der Chancengleichheit durch Schulbesuch!

Von Matthias Wolf, Vater zweier Kinder und Absolvent des 1. Staatsexamens eines Lehramtsstudiums, wurde die Petition zur Straffreistellung von Hausunterricht in Deutschland eingebracht.

Text der Petition

Der Deutsche Bundestag möge beschließen …das häusliche Lernen bzw. den Hausunterricht zu erlauben und straffrei zu stellen.

Begründung

Hausunterricht oder Homeschooling wird in allen EU Ländern und englisch sprachigen Ländern bereits schon länger mit großem Erfolg praktiziert und erweist sich immer mehr als der Bildungsweg der Zukunft. In Deutschland ist es eine noch weitgehend unbekannte und mit zahlreichen Vorurteilen behaftete Form des Lernens. Die unzureichende Vermittlung von ethischen und moralischen Grundwerten an öffentlichen Schulen, Gewalt und Mobbing, negative Sozialisation der Kinder, fehlende Lernfreude, sinkendes Bildungsniveau, die Unfähigkeit vieler Schulen Kinder individuell zu fördern und ihrem persönlichen Begabungsprofil zu bilden, haben dazu geführt, dass immer mehr Eltern sich Alternativen im bestehenden Bildungssystem wünschen. Bis dato existiert die Schulpflicht in Deutschland statt einer sinnvolleren Lernpflicht. Schule wird somit in Deutschland direktiv verordnet. Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen, müssen mit staatlichen Strafmaßnahmen wie Bußgeldern rechnen und werden somit unnötig kriminalisiert. Es sollte mündigen Bürgern frei gestellt sein wo sie ihren Kindern Bildung zukommen lassen. Alle staatlichen Sanktionsmaßnahmen gegen Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten, sollten aufgehoben werden.

Die Mitzeichnungsfrist endet am 16. Juni 2010.

Erfreulich wäre, wenn sich hier wirklich alle diejenigen, die es absurd finden, dass Eltern, welche ihre Kinder ohne Schulbesuch lernen lassen – sei es durch Unterrichtung zu Hause, sei es durch selbstbestimmtes Lernen ohne zugrundeliegenden Lehrplan (Unschooling) – als Unterzeichner eintragen würden. Es geht in dieser Petition nicht darum, die Abschaffung von Schule fordern – es geht lediglich darum, die Familien, in denen Bildung zu Hause praktiziert wird, zu ent-kriminalisieren und ihnen eine Möglichkeit zu eröffnen, zukünftig nicht mehr scharenweise ins Ausland abwandern zu müssen, um nicht im Extremfall das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren.

Desweiteren bietet die Petition m. E. auch eine Gelegenheit, durch eine Mitzeichnung darauf zu verweisen, dass man mit dem absoluten Monopol, das der detusche Staat in Sachen Bildung – und zunehmend ja auch Erziehung – erhebt, nicht einverstanden ist. Eine bunte Bildungslandschaft soll entstehen können, ohne Einschränkungen, ohne knebelnde Bürokratie, ohne Bestrafung. Eine Bildungslandschaft, die Wege für jeden eröffnet, um sich seinen individuellen Anlagen gemäß und den gesellschaftlichen Anforderungen Rechnung tragend entwickeln zu können. Das beinhaltet m. E. den wesentlich vereinfachten Aufbau privater, auch alternativpädagogischer Schulen, die Akzeptanz von Fernschulen als Weg zur Erfüllung der Schulpflicht und die legalisierte Möglichkeit, ganz ohne schulische Betreuung – also auch ohne Fernbeschulung – zu lernen, und zwar idealerweise eben auch als Unschooler. Inwieweit die Lern- und Entwicklungserfolge der zu Hause lernenden SchülerInnen, auch der Unschooler, einmal überprüft werden können, ob das nötig ist, wie es geschehen könnte, ist nicht Gegenstand der Petition. Aber ohne dass das schulfreie Lernen straffrei gestellt wird, werden solche sich anschließenden Fragestellungen niemals offiziell erörtert werden.

Darum nochmals meine Bitte um Mitzeichnung und auch um Weitergabe des Links zu dieser Petition. Dankeschön!

Es dürfen übrigens alle Personen unabhängig von Alter und Nationalität die Petition mitzeichnen, lediglich eine Registrierung auf der Seite epetitionen.bundestag.de ist nötig.

Weitere Hinweise finden Sie auf dieser Website, auch mit Links zu englischsprachigen Erklärungen (1, 2) zur Petition.

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