Bedeutung


Liebe LeserInnen dieses Blogs,

zum ersten Gedenktag an 70 Jahre Schulzwang in Deutschland hat eine Mitarbeiterin und Kuratorin des Netzwerkes Bildungsfreiheit eine kleine Umfrage-Aktion vorbereitet, welche Sie nachfolgend hier in Kopie finden. Ich würde mich sehr freuen, wenn dazu viele Stellungnahmen kämen, damit wir ein breites Spektrum an Meinungen zum Thema Zwang im Schulalltag - und positive Alternativen dazu erhalten und daraus eine knappe Zusammenstellung der Ergebnisse erarbeiten können.

Wenn Sie sich beteiligen möchten, so senden Sie Ihre Antwort bitte über das Kontaktformular im Impressum dieses Blogs an mich oder an info(at)netzwerk-bildungsfreiheit.de (Betreff: Umfrage-Aktion Zwang). In jedem Fall werden die Antworten dann an Frau Mieger zur Auswertung weitergeleitet. Selbstverständlich werden Ergebnisse anonymisiert und keinerlei persönliche Daten weitergegeben oder gespeichert.

Sofern Sie eine direkte Stellungnahme (mit oder ohne Anonymisierung) wünschen, ist auch das auf diesem Blog, dem Marksteine-Blog oder dem schulzwang.info-Blog möglich. In diesem Fall nutzen Sie bitte das Kontaktformular oder schreiben Sie eine Email an: emk(at)gmx.eu
(Unabhängig davon, ob Sie eine direkte Veröffentlichung Ihres Beitrages wünschen oder nicht, wird Ihre Antwort in die Auswertung der Umfrage-Aktion mit einbezogen.)

Umfrage-Aktion:

Sehr geehrte Damen und Herren,

durch meine Mitarbeit beim Netzwerk Bildungsfreiheit (einem Zusammenschluß verschiedener Personen und Gruppen, die sich für eine echte, individuelle Bildungsfreiheit einsetzen; mehr Infos unter www.netzwerk-bildungsfreiheit.de) bin ich auf die Tatsache aufmerksam geworden, daß es in Deutschland nun seit 70 Jahren Schulzwang gibt.

Durch das Reichsschulpflichtgesetz vom 6.Juli1938 wurde der Schulzwang geregelt.
Darin heißt es in § 12:
Schulzwang. Kinder und Jugendliche, welche die Pflicht zum Besuch der Volks- oder Berufsschule nicht erfüllen, werden der Schule zwangsweise zugeführt. Hierbei kann die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen werden.”
Diese Regelung wurde später von den Landesregierungen übernommen.

Die Ausübung von Zwang gegen schulpflichtige Kinder und Jugendliche ist damit so weitreichend abgesichert, daß sogar die Hilfe der Polizei dafür in Anspruch genommen werden kann.
Aber auch abgesehen davon scheint Schule nicht ohne Zwang auszukommen. Dies wird deutlich, wenn man verschiedene Situationen im Schulalltag oder das Schulsystem an sich betrachtet.

Mich persönlich würde nun interessieren, wie für Sie die Situation im heutigen Schulalltag aussieht. Inwiefern ist “Zwang” ein Thema und wo erleben Sie diesen im Schulalltag?
Deshalb möchte ich eine kleine Umfrage mit verschiedenen Personen und Gruppen, die sich im Bereich der Bildung engagieren, durchführen.
Eine Zusammenfassung der Antworten wird dann auf der Homepage des Netzwerkes Bildungsfreiheit (ohne Namensnennung) veröffentlicht. Die Antworten werden ausschließlich für diese Umfrage verwendet.

Wenn Sie Interesse haben mitzumachen, bitte ich Sie folgende Fragen kurz zu beantworten:

  1. Empfinden Sie das deutsche Schulsystem eher als Zwang oder als Chance?
  2. Welche Freiräume sehen Sie im aktuellen Schulalltag, so wie Sie ihn erleben?
  3. Und welche Freiräume würden Sie sich wünschen?

Bitte senden Sie mir die Antworten möglichst bis zum Freitag, den 4. Juli 2008 zu.
Über eine rege Beteiligung würde ich mich sehr freuen!

Mit freundlichen Grüßen

Heike Mieger

Dieser Beitrag wurde auch auf dem Marksteine-Blog veröffentlicht. Sie finden dort weitere Informationen, ein Kampagnenlogo und weiterführende Links.

Die Hauptschule ist Restschule, Sorgenkind im deutschen Bildungssystem. Hauptschüler genießen alles andere als einen guten Ruf. Doch dieser Artikel aus dem TAGESSPIEGEL zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt, in Projekte zur Stärkung der Hauptschüler zu investieren:

Schüleraustausch für Hauptschüler

Ein anderes Bild von Amerika

Was sonst nur Gymnasiasten vorbehalten ist, durften jetzt auch Hauptschüler erleben: Zwei Wochen in einer Gastfamilie in Amerika. Tempelhofer Hauptschüler, darunter etliche Muslime, revidierten ihre Amerika-Vorurteile auf einer außergewöhnlichen Reise.

Die Brooklyn Bridge in New York.

Von Elisabeth Binder

3.6.2008

Dazu muss man sich erst mal durchringen. Einen englischen Aufsatz zu schreiben, 500 Wörter lang, zum Thema: „My Window on America – was ich an Amerika mag, und was ich kritisch beurteile“, kann ganz schön anstrengend sein. Für zehn Schüler der Werner-Stephan- Schule in Tempelhof hat sich die Anstrengung gelohnt. Während der Osterferien durften sie zwei Wochen lang in die USA reisen. Und in der vergangenen Woche waren sie die allerersten Gäste von US-Botschafter William Timken und seiner Frau Sue im kleinen Konferenzsaal der neuen Botschaft. Sie haben ihn gewissermaßen vor der offiziellen Eröffnung eingeweiht, um von Erfahrungen zu berichten, die ihnen normalerweise verwehrt gewesen wären, weil normalerweise Gymnasiasten Zielgruppe sind für Austauschprogramme.

Die Vorurteile der Schülerinnen und Schüler gegenüber den USA ähnelten sich: „Ich habe geglaubt, dass Amerikaner ganz unfreundlich sind und dass alles dort sehr streng ist“, sagt Kadir. Der 16-Jährige ist seit drei Jahren in Deutschland, und Englisch ist nach Kurdisch, Türkisch und Deutsch seine vierte Sprache. Ähnliche Erwartungen hatte auch Mateusz. Der 17-Jährige ist vor zwei Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen.

Die beiden Jungen und ihre Schulkameraden aus der 9. und 10. Klasse haben ganz andere Erfahrungen gemacht, als sie erwartet hatten. „Die Leute waren sehr nett zu uns, ganz gastfreundlich und sehr offen.“

Angst vor der Fremde, dann Abschiedsschmerz

Auch die 16-jährige Julia hatte Ängste, bevor es losging: „Ich dachte, dass die Amerikaner sehr arrogant sind. Wir hatten alle Angst, wollten gar nicht raus aus dem Bus. Am Ende haben wir beim Abschied alle geweint und wollten uns von unseren Gasteltern und den Geschwistern gar nicht mehr trennen, weil sie so herzlich und freundlich waren.“

„Windows on America“ heißt das Programm, das gerade nicht für die üblicherweise vielfältig geförderten Gymnasiasten entworfen wurde, sondern für Hauptschüler, für die ein Auslandsaufenthalt oft schon aus finanziellen Gründen unerreichbar ist. Das Programm hat die Frau des US-Botschafters, Sue Timken, erfunden. Es richtet sich an Jugendliche mit Migrationshintergrund, aber auch deutsche Schüler wie Julia sind dabei. Die Mitarbeiterinnen von „Das Experiment“, die als deutsche Partner einer in Washington ansässigen Austauschorganisation für das Programm zuständig waren, berichteten von dem Erfolg der Reise.

„Für diese Jugendlichen ist das wirklich eine besondere Erfahrung. Viele könnten sich so eine Reise sonst nie leisten. Sie waren ja auch nicht, wie viele Gymnasiasten, schon überall mit ihren Eltern im Urlaub“, erzählt Geschäftsführerin Bettina Wiedmann.

Die ersten beiden Tage in Washington waren ein bisschen schwierig, weil sich die Schüler noch nicht so trauten, Englisch zu sprechen. „Da gab es schon mal Momente, wo sie kurz davor waren, dichtzumachen“, erzählt Englischlehrerin Silke Donat. Aber in Cleveland, Ohio, bei den Gastfamilien blieb ihnen nichts anderes übrig, als Englisch zu sprechen. Das hat zur Verbesserung der Sprachkompetenz kräftig beigetragen.

„Wir wollten, dass die Jugendlichen, die sonst nicht an Austauschprogrammen teilnehmen können, sehen, wie die Menschen in den USA leben“, sagte US-Botschafter William Timken bei der Begrüßung der Runde. Der USA-Trip hat neben der Verbesserung der Englischkenntnisse vor allem einen Effekt gehabt: „Ich bin selbstbewusster geworden und viel aktiver“, sagt Marian, die aus Ghana nach Deutschland gekommen ist, sagen aber auch Mehmet und Mahmoud. Die Erfahrung, Englisch sprechen zu können, wenn es denn nicht anders geht, in einer völlig fremden Umgebung klarzukommen und sich mit Menschen anzufreunden, von denen man zu Unrecht angenommen hatte, dass sie unfreundlich und überheblich seien, ist der größte Lernerfolg dieses Programms. Sie habe es auch besonders beeindruckend gefunden, wie zielstrebig US-Schüler arbeiten, sagt Julia, die einmal Krankenschwester werden möchte. Das wolle sie nachahmen.

Auch die Abschlusstage in New York haben Spuren hinterlassen. Die Mädchen berichten von einem sehr bewegenden Besuch am Gelände des World Trade Centers. Kadir sorgt sich, „dass die Muslime nun über einen Kamm geschert werden“. Mehmet, der Tischler werden will, fand „alles überraschend“ in New York, vor allem aber das Empire State Building bei Nacht: „Das kann man gar nicht beschreiben.“ Noch etwas hat ihm gefallen: „Dass die Menschen sich für so vieles entschuldigen.“

Der Verein „Windows on America“ soll nun sichern, dass das Programm unabhängig vom jeweils amtierenden Botschafter weitergeführt wird, um noch vielen Hauptschülern die Gelegenheit zu dieser einzigartigen Erfahrung zu geben. Dies war bereits die fünfte Gruppe, die in den vergangenen Jahren eine solche Reise machen konnte.

In der Broschüre des Vereins heißt es ganz im Sinne des derzeitigen Botschafters, der selbst ein erfolgreicher Unternehmer ist: „Wirtschaftlich erfolgreich sein kann auf Dauer nur derjenige, der die vorhandene Vielfalt erkennt und nutzt.“ Und fördert.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.06.2008 )

DER TAGESSPIEGEL - SCHULE

… das gilt für Europa und die Politik im Rahmen europäischer Zusammenarbeit ebenso wie für Deutschland und die nationale Bildungspolitik.

In puncto Europa haben es die Iren mal wieder bewiesen: Frägt man die Bürger direkt und überlässt ihnen die Verantwortung, entscheidende Sachverhalte zu beurteilen, so kommt etwas ganz anderes heraus, als wenn man dieselben Entscheidungen den von uns gewählten Politikern, die ja eigentlich in unserem Interesse handeln müssten, überlässt.

Sehr zutreffend, was da auf dem Honigbrot-Blog zu lesen ist:

[...]

Die Iren haben gemacht, was jeder gemacht hätte, den man drüber abstimmen lässt, ohne dass er sein Gehalt von der EU bezieht, oder hofft, dies nach dem Ende seiner bundespolitischen Karriere zu tun. Sie haben “nein” gesagt zu einem Regelwerk, das Europa dem Bürger so transparent macht wie Lagerfelds Sonnenbrille. Ein Vertrag, der einem vorkommt wie ein Blanco-Scheck von dem man nie weiß, ob er nicht auch das Zeug zum Boomerang hat.

Europa ist noch immer ne tolle Idee, das finden selbst die Iren. Es müsste aber ein Bürgereuropa werden und kein Bürokrateneuropa. Demokratie ist aber, wenn statt der Bürokraten die Bürger anstimmen dürfen, zumindest in Irland war das jetzt mal wieder so möglich. Das muss an diesen saftigen Wiesen liegen.

[...]

Die Bürger sind nah und praktisch am realen Geschehen dran, es fehlt die trennende Distanz einer Bürokratenschreibtischbreite, um sie die Dinge automatisch in §§- und Qualitätsstandards-Schubladen einordnen zu lassen. Das bedeutet insbesondere in puncto Bildung und Lernen, den entscheidend richtigen Blick zu haben. Die pädagogische Forderung nach Beachtung der individuellen Stärken und Schwächen des Lernenden, die duch die Regelwerke der Schul-Gesetze und -Verordnungen pervertiert wird, verwirklichen Bürger im Interesse ihrer Kinder unter oft großen Opfern durch Privatschulgründungen, Nachhilfeunterricht, Freizeit-Kurse und Bildung zu Hause. Dass ihnen dabei gerade in Deutschland Hinkelsteine in den Weg gelegt werden, ist bekannt.

Kritische Experten, insbesondere aus Ländern, wo der gestaltende Beitrag der Bürger auf dem Bildungssektor einfacher oder sogar erwünscht ist, fordern klar einen größeren Einfluss der Zivilgesellschaft im Bildungssektor.

Demokratie bedeutet Herrschaft, die vom Volk ausgeht und durch das Volk in seinem Interesse ausgeübt wird.

In einer freien und pluralistischen Gesellschaft, in der keine der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen andere unterdrücken soll, kann durch zivile Entscheidungsprozesse und vielfältige Gemeinschaftsprojekte, die nebeneinander bestehen werden, den Anforderungen der Einzelnen optimal entgegengekommen werden. In einem Bildungssystem, das frei und vielfältig ist, werden Schüler mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen genau die ihnen gerecht werdenden Bildungswege und Lernmodule ohne bürokratische Gängelung in Anspruch nehmen können.

Lesen Sie dazu auch:

C. W. Beck: The Decline of Modern Schooling and the Emergence of a New Civic Sector of Education

Was ist woanders besser?

  • in Frankreich gibt es ein staatliches und staatlich finanziertes Fernschulwesen (CNED) für alle, die sich für diesen Bildungsweg entscheiden.
  • In Österreich gibt es den organisierten häuslichen Unterricht, kleine private Schulgründungen in Elternverantwortung, ohne jegliche bürokratische Gängelung.

Was fordern wir?

  • Die Anerkennung von Fernunterricht zur Erfüllung der Schulpflicht bei staatlich bereits anerkannten Schulträgern wie z. B. der Deutschen Fernschule (DF) und der Flex-Fernschule.
  • Die Genehmigung sogenannter Familienschulen - kleiner privater Lerngruppen in Elternverantwortung - ohne bürokratische Gängelung.

Und Ihre/Deine Meinung?

Ein Artikel aus NEUES DEUTSCHLAND, in der Printausgabe vom 17.03. zum Thema Homeschooling.

Letzte Konsequenz: Homeschooling

Die Schulpflicht erlaubt nur Ausnahmen, aber manche Eltern nehmen die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand

Von Tom Mustroph

 

Das deutsche Schulsystem löst Verunsicherung aus. Bildungspolitiker streiten über Schulsysteme, Bildungsexperten über Formen und Methoden. Eltern und Schüler sind aufgefordert, sich um die bestmöglichen Bildungschancen zu bemühen, sind aber tendenziell überfordert, die richtige Schule für ihre Kinder auszuwählen. Eine Konsequenz, die Eltern aus dieser Malaise ziehen, ist, die Sache der Bildung selbst in die Hand zu nehmen.

In Form der Mitarbeit bei Schulvereinen oder gar der Mitarbeit bei Schulgründungsvereinen unternehmen sie das häufig. Doch aus Sicht mancher Eltern sind auch hier Beharrungsmomente und Widerstände so groß oder die materiellen Möglichkeiten so begrenzt, dass sie den Weg der eigenverantwortlichen Bildung ihrer Kinder mit allerletzter Konsequenz gehen. Das bedeutet dann Homeschooling.

In der Bundesrepublik Deutschland ist das gesetzlich verboten. Nur Ausnahmen sind erlaubt. Bei langer Krankheit etwa dürfen Kinder zu Hause den Stoff halber Schuljahre nachholen. Eltern, die in einem Land arbeiten, in dem keine adäquate Schule zu finden ist, wird gestattet, den Unterricht ihrer Kinder zu Hause zu organisieren. Dabei gelten die deutschen Rahmenpläne. Doch auch über diesen Personenkreis hinaus betreiben Eltern in Deutschland Homeschooling. Zu einem Teil sind dies Eltern, die aus religiösen Gründen (es handelt sich meist um Christen) mit einem Teil des Schulstoffes nicht einverstanden sind. Es häuft sich aber auch die Zahl der Eltern, die wegen der Mängel der Schulen den Unterricht lieber selbst übernehmen wollen.

Carola Winter ist eine von ihnen. Die studierte Molekularbiologin hat ihren Sohn Max vor zwei Jahren wegen des häufigen Unterrichtsausfalls aus der ersten Klasse einer Grundschule genommen und zu Hause unterrichtet. In der oberen Etage des Einfamilienhauses im Grunewald ist eine Schulecke eingerichtet. Ein Schreibtisch steht dort, Lehrmaterialien sind in Fächern geordnet, Landkarten hängen an der Wand. Nicht immer fand der Unterricht hier statt. Manchmal sind Mutter und Sohn ins benachbarte Kinderzimmer gewechselt, manchmal sind sie in den Garten gegangen. Der Unterricht begann zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr, nachdem der Vater, ein Musiker, das Haus verlassen hatte und zur Arbeit gegangen war.

Ungefähr 90 Minuten haben sich die beiden mit den viel Konzentration erfordernden Aufgaben beschäftigt. Danach gab es eine lange Pause und dann waren, ebenfalls ungefähr 90 Minuten lang, sinnlichere Fächer wie Sachkunde an der Reihe. Die werden oft als Projektarbeit gestaltet. Max hat sich ein Thema ausgesucht, dazu recherchiert und das Wissen in einem Vortrag gebündelt.

An manchen Tagen haben die beiden im Garten Fangen gespielt. Eine Musikerin bringt dem Jungen Klavier- und Gitarrespiel bei. Am Nachmittag geht er mit Freunden zum Reiten und zu einem Töpferkurs. Oft kommen die Freunde auch ins Haus, so dass er Kontakt mit Gleichaltrigen hat. Einmal die Woche besucht er einen Hochbegabtenkurs für Biologie und Chemie. Freitags ist der Exkursionstag. Da ging es zum Beispiel in die Domäne Dahlem, um auf einer alten Waage Maße und Gewichte anschaulich zu machen oder ins KaDeWe, als dort ein Aussteller Kinder in avancierte Legotechnik eingeführt hatte.

Die bisherige Bilanz sieht aus Perspektive von Carola Winter positiv aus: »Wir haben festgestellt, dass wir viel schneller durch den Stoff kommen. Wir brauchen ungefähr ein Drittel der Zeit«, sagt sie. Orientierungspunkt waren die Berliner Rahmenpläne. »Über das Netzwerk Homeschooling, in dem auch einige an staatlichen Schulen angestellte Pädagogen mitarbeiten, sind wir an die Lehrerhandbücher gekommen. Die sind übersichtlich aufgebaut. Jede Schulbuchseite ist darin erklärt und es werden Vorschläge für Übungen und die Häufigkeit der Wiederholungen gemacht«, erklärt sie. Am Anfang hatte sie wegen der Schnelligkeit von Max befürchtet, dass er nur oberflächlich gelernt hatte. »Aber dann hatte ich mich überzeugt, dass das Wissen auch sitzt. Bei zuviel Wiederholungen hat sich Max gelangweilt. Also sind wir weitergegangen.«

In zweieinhalb Jahren Hausschule haben die beiden dreieinhalb Schuljahre absolviert. Auch sozial sieht sie Vorteile in ihrer Schulwahl. »Der Kontakt zum Kind intensiviert sich. Man weiß viel besser, womit es sich beschäftigt.« Max, zum Vergleich von Regelschule und Hausschule befragt, gibt der familiären Variante den Vorzug. »Es macht mehr Spaß. Ich lerne mehr«, sagt er. Dass seine Mutter nun die absolute Zentralgestalt seines Lebens ist, scheint den 9-Jährigen nicht zu stören. Gegenwärtig geht er allerdings wieder in die vierte Klasse einer Grundschule. »Wir hatten uns bemüht, für die Aufnahme ins Gymnasium eine externe Prüfung ablegen zu dürfen. Aber das wurde uns nicht gestattet«, erzählt die Mutter. Zugangsberechtigung für das Gymnasium ist das Halbjahreszeugnis der vierten Klasse.

Carola Winter ist keine dogmatische Hausschulverfechterin. Ihren jüngeren Sohn Martin hat sie im Herbst in die erste Klasse eingeschult. »Im Kindergarten war so viel Vorfreude auf die Schule erzeugt worden, dass ich ihm diese Erfahrung nicht nehmen wollte«, erklärt sie. Sie bedauert diese Art der Konditionierung für das Schulsystem ein wenig, richtet sich aber nach den Wünschen des Kindes.

Homeschooling in Deutschland ist mit einem gewissen Risiko behaftet. Weil es formal nicht erlaubt ist – es besteht Schulpflicht – werden Eltern manchmal geduldet, manchmal aber auch von staatlichen Stellen verfolgt. Die Homeschoolingszene weiß von Gerichtsverfahren und angedrohten Gefängnisstrafen zu erzählen. Carola Winter hat von Familien gehört, die es aus diesem Grunde vorgezogen haben, auszuwandern.

In anderen Ländern ist Homeschooling erlaubt. In den USA werden laut amtlicher Statistik 2,2 Prozent der Kinder zu Hause unterrichtet, das betrifft 1,1 Millionen Kinder (Stand 2003). In Großbritannien geht man von 50 000, in Australien von 20 000 Kindern aus. Außer der großen Gruppe religiös divergenter Eltern (40 Prozent der Homeschooling-Eltern in den USA haben sich aus religiösen Gründen dafür entschieden) gehören viele der Eltern, die Homeschooling wagen, den so genannten bildungsnahen Schichten an. Sie wollen ihren Kindern einen besseren Start ins Leben ermöglichen.

Für Homeschooling im Grundschulalter gibt es viele gute Gründe. Die Leistung von Grundschülern ist weniger vom Schulsystem als von der Intensität der Betreuung und Zuwendung abhängig, legen aktuelle Studien nahe. Engagierte Eltern können sich den Grundschulstoff wohl auch leichter erarbeiten. Mit einer ausgebildeten Grundschullehrerin will sich Carola Winter dennoch nicht vergleichen. »Ich kann mein Kind unterrichten. Für den Unterricht einer ganzen Klasse sind ganz andere pädagogische Fähigkeiten notwendig«, sagt sie klipp und klar. Von einer befreundeten Familie in den USA weiß sie, dass Homeschooling auch in höheren Klassenstufen erfolgreich sein kann. »Je höher die Klasse, desto mehr wird auf das eigenständige Erarbeiten gesetzt. Dennoch beschäftigt sich auch die Mutter mit dem Schulstoff und kann das Lernpensum in die richtigen Bahnen lenken«, hat sie erfahren.

Für bildungsnahe Eltern kann Homeschooling durchaus zur Alternative werden. Allerdings müsste sich da zuerst die deutsche Rechtssprechung von der Schulpflicht hin zur Pflicht auf Bildung verändern. Die Bildungspflicht wiederum gäbe Eltern die Möglichkeit, von den Schulen adäquate Leistung zu verlangen. Außerdem müsste die Schulaufsicht auch eine fachliche Kontrolle der Homeschoolingfamilien gewährleisten. Carola Winter wäre damit vollauf einverstanden.

Gegen die Umwandlung der Schulpflicht in eine Bildungspflicht spricht lediglich, dass die Schulfreiheit Tendenzen zur Parallelgesellschaft verstärken könnte. Schule als Instrument zur Zwangsassimilation wäre allerdings ein missverstandener Bildungsauftrag.

Wenn das nicht gute Nachrichten sind…

Die pädagogische Revolution hat begonnen. Von Christian Füller

Glaubt man, das sowas in Deutschland passiert?

In einem dieser 400 Quadratmeter weiten Areale treffen die Besucher nun zum Beispiel Lisa und Marie. Die beiden sechsjährigen Mädchen arbeiten gerade an ihrem Wochenplan - ganz allein. Eine Lehrerin ist zunächst nicht zu sehen. Nach und nach sind 80 Schüler zu entdecken. Auf einer Tribüne sitzen ein paar Schüler, die sich in Büchern vertieft haben. In einer Ecke ruht ein Mädchen sogar, auf Kissen gebettet. Hinter einem Raumteiler steht schließlich doch eine Lehrerin vor einer größeren Gruppe von Schülern und erklärt etwas. Wenn Gäste verwundert fragen, wo hier eigentlich gelernt wird, dann tippt sich Rektor Tlustek gern mal man an die Stirn: “Hier oben, im Kopf.”

Also, eine nicht alltägliche Artikel über unkonventionelle aber längst überfällige Schulreforme… lesenswert!

Ob es allerdings soweit kommt, dass Familien dieses Recht auf Freies Lernen zugestanden wird, bleibt noch offen….

Hier ist die exklusive Vorabveröffentlichung des Romans von Vera F. Birkenbihl.

Originalton der Autorin: “Dies sind Auszüge aus meinem ROMAN, in dem der BILDUNG im Wortsinn DER PROZESS GEMACHT WIRD.  Schwerpunkt der Autoren-Lesungen werden Gerichtsszenen sein, in denen vom Schulbuch-VERLEGER über LEHRKRÄFTE bis zu Autoren von Lehrwerken (z. B. Fremdsprachen-Textbüchern) als Zeugen auftreten, wobei so mancher Zeuge zum Angeklagten wird… Die Dialoge sind eine andere Form, meine Kernaussagen der letzten Jahrzehnte auf den Punkt zu bringen…”

In der ersten Folge dieser neuen Reihe mit dem Titel “Vor dem Prozess” gibt es eine Einführung und Erklärung zum Prozess, außerdem treffen bei einer Frensehausstrahlung eines Internettalks am Vorabend des Prozesses ein Journalist, ein Linguist, ein Soziologe und ein Historiker aufeinander, die über Einwanderung und deren Folgen auf das Bildungssystem diskutieren.

Gesprochen von der Autorin Vera F. Birkenbihl

Von mir nur zwei Zitate:

Lagen die vielen Probleme millionen von Schülern und Schülerinnen am System, oder waren doch die Schüler oder ihre Eltern schuld? Das sollte sich zeigen.

Zum Sozio-Ökonomische Distanz–Argumente vom Kinderrechtsbeistand:

In beiden Länder [USA wie Deutschland] profitieren Kindern um so mehr vom Schulsystem je weniger sie es benötigen, bzw.  je mehr Bildung sie zu Hause erleben.  Man kann auch sagen, je weniger sie das Schulsystem brauchen, desto mehr profitieren sie, während genau jene Kinder, denen das Schulsytem bieten soll, was zu Hause fehlt, in diesem System versagen müssen.

Bei Podcast.at.   Bildungsverantwortliche müssen sich das unbedingt anhören.

Gefunden bei Lernen Heute.

Schwerpunkt: Schule

Neben Elternhaus und Wohnumfeld ist die Schule die Institution, die Kinder und Jugendliche am intensivsten prägt. Wie können Lehrer und Betreuer frühzeitig darauf hinwirken, dass Schüler keine menschenfeindlichen und intoleranten Haltungen entwickeln? Wie können Vorurteile und rechtsextreme Haltungen wieder abgebaut werden? Und wie können Rechtsradikale mit ihrer Einflussnahme aus dem Schulalltag ferngehalten werden? Einblicke und Ansätze aus der Erfahrung von Schülern, Eltern, Lehrern und Wissenschaftlern.

<Bundeszentrale für politische Bildung: Schule — Rechtsextremismus>

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Szenenfoto aus “Die Welle”: “Weder Bildung noch Stand noch Geld schützen davor, in eine solche Diktatur reinzurutschen”

Das Lesen des Buches “Die Welle” von Morton Rhue hat bei mir eine Lawine an Fragen losgelöst… manche habe ich bereits hier und hier gestellt… da arbeitet es aber noch ziemlich heftig in mir. Vor allem wenn ich die Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Bildung anschaue, da stehen mir die Haare zu Berge…

Heute habe ich erfahren, dass der Film “Die Welle” am Donnerstag ins Kino kommt, mit Jürgen Vogel als Lehrer und Jennifer Ulrich als rebellischer Schülerin. Im Interview der SpiegelOnline “Schulspiegel” sprechen sie über Tücken elitärer Gruppen und Verführung durch Macht.

Du wirst subtil verführt: Im Vordergrund steht der Gemeinschaftsgeist. Den braucht jede Gruppe, die etwas erreichen will - Greenpeace, die FDP-Jugend, die Pfadfinder oder die Globalisierungsgegner, die in Heiligendamm waren. Es geht darum, gemeinsame Werte und Ideale zu haben, zusammen zu feiern, etwas zu unternehmen. Es geht um das Gefühl, gemeinsam für etwas zu sein – und gegen etwas….

<Quelle und Gesamt Interview>

Mich beschäftigt immer noch diese Frage der subtile Verführung: Passiert sie heute noch?

Vor kurzem las ich bei Oliver Heuler unter anderem über ein Buch namens “Liberal Fascism” und er kommt auf der Faschist in uns allen zu sprechen… in seinem Beitrag ging es vielmehr um Bildung und der (in der Auslandspresse) immer wiederkehrende Entrüstung, der Schulpflicht stamme von Hilter. Zum Schluss schreibt Herr Heuler:

Übrigens: Man kann der Schule Vieles vorwerfen, aber erfolglos ist sie nicht:

Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen (bzw. aus ähnlichen Ansätzen konkurrenzgefährlicher Stellen - Kirche, Städte, Private - usurpiert), um von Kindesbeinen an alle Staatsangehörigen an Gehorsam zu gewöhnen, ihnen die Suggestion von der Notwendigkeit des Staates in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, jede Emanzipationsidee im Keime zu lähmen, die Entwicklung ihres Denkens in wohlgehegte Bahnen zu lenken und sie zu bequemen, regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen.
Walther Borgius, 1930

Auch aus dieser Zeit: Marx/Engels, die in ihren Manifest der Kommunistischen Partei geschrieben haben:

Wir kommunisten entreißen die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse, (…) indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die Gesellschaft setzen.

Aus: Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag, Berlin 1930, S. 63.

Das ganze hat System, wenn du mich fragst. (Dabei darf ich nicht an andere Entwicklungen denken, z. B. “Denunziation genügt. Jeder kann jeden beim Gericht als angeblichen Betreuungsfall anzeigen.” Gestern gepostet unter: Willkür der deutschen Betreuungsmachinerie.) Die Frage ist, was können wir dagegen tun?

Für den Rest eures Lebens werdet ihr niemals mehr zulassen, dass der Wille einer Gruppe die Oberhand über eure Rechte als Einzelmenschen gewinnt.

aus: Die Welle, Morton Rhue, Ravensburger Verlag, 2008 S. 176

Wer kommt mit ins Kino?

Weitere Artikel:

Auch bei Genügsames Leben gepostet

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