Kein Geld: Schule verweist Schwestern

Hart handelte die Grund- und Hauptschule Blumlage im Fall zweier Mädchen. Sie wurden aus dem laufenden Unterricht zitiert, mussten ihre Bücher abgeben, und wurden direkt zur Altstädter Schule gefahren, in die sie nun gehen sollen. Grund: Die Eltern der 12- und 13-jährigen Hauptschülerinnen konnten das Geld für das verpflichtende Mittagessen an der Ganztagsschule nicht zahlen und stehen mit 262 Euro im Rückstand. Für den Vater kommt es noch dicker: Er wollte die Schulleiterin zur Rede stellen und wurde handgreiflich. Die Schulleiterin hat inzwischen Anzeige erstattet.

CELLE. Heidrun und Holger Kruse wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Völlig aufgelöst kamen ihre 12 und 13 Jahre alten Töchter am Montag, 14. April, von der Schule nach Hause. Sie erzählten, dass sie am Vormittag aus dem Unterricht genommen und ins Büro der kommissarischen Schulleiterin Susanne Witkowski bestellt wurden. Dort erklärte ihnen die Schulleiterin, dass sie ihre Bücher abzugeben haben und von einer Lehrerin zur Altstädter Hauptschule gefahren werden, in die sie von nun an gehen sollen. Grund: Die Eltern der Mädchen, beides Hartz-IV-Empfänger, stehen mit 262 Euro bei der Ganztagsschule in der Kreide, da sie das Geld für das verpflichtende Mittagessen nicht zahlen konnten.
Vier Tage zuvor, am Freitag, 11. April, erhielt die Familie Post von der Blumläger Schule. Darin teilte Witkowski mit, dass die Eltern ihre Kinder „umgehend” in der Altstädter Schule anzumelden haben, „damit Ihre finanzielle Verpflichtung uns gegenüber nicht noch größer wird”, heißt es im Brief. Die Mädchen haben montags und mittwochs in der Schule für drei Euro pro Person gegessen. An der Altstädter Schule gibt es kein Mittagessen.
Die Kruses reagieren mit Unverständnis: „Das ist Diskriminierung”, sagt Holger Kruse. „Das war ein Schock für mich”, so eines der Mädchen. Auch die Lehrerin, die die Mädchen an der Altstädter Schule absetzte, habe Tränen in den Augen gehabt. Die Mädchen sind krank geschrieben, leiden offensichtlich psychisch unter der Situation. Beide können kaum schlafen, die Jüngere hat ständig Nasenbluten. Sie werden mit Hausaufgaben von Mitschülern versorgt und lernen zu Hause.
Dabei haben die Eltern der Schulleitung nach eigener Aussage angeboten, die Kinder mittags zu Hause zu verpflegen. Die Schule ist nur 200 Meter von der Wohnung entfernt. Auch mit einer Ratenzahlung von 20 Euro im Monat wolle sich die Schule nicht zufriedengeben, so Holger Kruse. Die Familie habe lange die Kaution für ihre neue Wohnung abzahlen müssen. Die ist inzwischen bezahlt, jetzt sei wieder mehr finanzieller Spielraum da.
Ein Nachspiel hat die Sache für Holger Kruse. Er wollte Schulleiterin Witkowski zur Rede stellen und wurde handgreiflich. Witkowski zeigte Kruse wegen leichter Körperverletzung an und erteilte Hausverbot.
Witkowski darf keine Stellung beziehen und verwies auf die Landesschulbehörde. Die nimmt die Angelegenheit „sehr ernst” und will sie eingehend prüfen, so eine Sprecherin.

Andre Dolle

21.04.2008 19:43; aktualisiert:21.04.2008 21:24

http://www.cellesche-zeitung.de/lokales/celle/346706.html

zum Hintergrund: Arbeitsübersetzung des Berichts des Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz

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Wir berichteten:

 

Die größte Unterrichtsstunde der Welt

 

Im Mittelpunkt der Aktionen in diesem Jahr steht der Globale Aktionstag am 23. April 2008. Inhaltlich geht es diesmal insbesondere um die Frage der Diskriminierung und Ausgrenzung in Bildungssystemen.

Rund um den Globus wird an diesem Tag in Schulen und an anderen Orten die gleiche Unterrichtsstunde über die Notwendigkeit von Chancengleichheit im Bildungswesen abgehalten und damit eine riesige globale Öffentlichkeit erzeugt.

Neben der Teilnahme am Weltrekordversuch können Sie im Rahmen der Kampagne auch Politiker und Politikerinnen in die Schule einladen oder mit den Schülerinnen und Schülern Forderungen an die Politik erarbeiten.

Wie können Sie daran teilnehmen?

  • Führen Sie die Stunde am 23. April 2008, 10.00 Uhr durch oder planen Sie eine andere Aktion im Rahmen der Kampagne.
  • Schicken Sie uns die Rückmelde- und Anmeldebogen ausgefüllt zurück.
  • Im Anschluss erhalten Ihre Schülerinnen und Schüler eine Teilnahmeurkunde.

Das deutschsprachige Materialpaket mit dem Ablaufplan der „größten Unterrichtsstunde” können Sie im Kasten „Download“ ebenso herunterladen wie das Basispaket mit allgemeinen Hintergrundinformationen und Unterrichtsmaterialien. Darüber hinaus können Sie beim Bereich Internationales des GEW Hauptvorstandes Flyer, Plakate, Buttons sowie die Druckversion (Broschüre) des Basispaketes unentgeltlich bestellen.

Besonders für Kinder und Jugendliche aus armen Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund sowie für Kinder mit Behinderungen wirkt sich das deutsche Schulsystem mit seiner strikten Trennung zwischen den verschiedenen Schultypen als “De-facto-Diskriminierung” aus, heißt es in dem vor einigen Monaten vorgelegten Bericht des UN-Sonderberichterstatter Vernor Munoz über das deutsche Bildungswesen. Während seiner Recherchen in Deutschland erfuhr Muñoz unter anderem, dass “viele Kinder und Jugendliche” aus Flüchtlingsfamilien “aus Angst vor einer möglichen Entdeckung und Abschiebung der Schule fernbleiben”, heißt es.

Muñoz verweist dabei ausdrücklich auf die Position der Bundesregierung, die das Ausländerrecht über die allgemeinen Menschenrechte stellt, und rät zu einer “ausführlichen nationalen Debatte” über die “Marginalisierung von Schulkindern”.

Als Antwort auf den Bericht ließ Berlin lapidar verlauten, eine “bewusste bildungspolitische Ungleichbehandlung von Kindern mit Migrationshintergrund” sei “nirgends in Deutschland erkennbar”. Tatsächlich jedoch erledigen Zehntausende von Flüchtlingskindern ihre Hausaufgaben täglich unter beschwerlichen Bedingungen: Wie Menschenrechtsorganisationen berichten, sind sie oft in Lagern, zum Teil sogar in Stahlcontainern untergebracht, die über eine Wohnfläche von in der Regel maximal 6 Quadratmetern pro Person verfügen und zudem meist weit von Schulzentren und anderen Orten sozialen Lebens entfernt sind.

Den Original-Beitrag kann man hier http://www.gew.de/Die_groesste_Unterrichtsstunde_der_Welt.html finden.

Kinder und Jugendliche, die nicht zur Schule gehen, und eventuell deren Eltern wollen sich vielleicht auch zu diesem Thema einbringen. Wer mag, kann dazu hier unter Comments Anregungen hinterlassen, wie wir das handhaben könnten, oder auch mich direkt unter Kontakt Eljascha anschreiben.

Interessant fände ich auch, wenn wir anschließend an diese Aktion hier vergleichende Stellungnahmen von Schülern, die in Schulen gehen, und deren Eltern, und Kindern und Jugendlichen, die ohne Schule lernen, und deren Eltern sammeln und präsentieren könnten.

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Szenenfoto aus “Die Welle”: “Weder Bildung noch Stand noch Geld schützen davor, in eine solche Diktatur reinzurutschen”

Das Lesen des Buches “Die Welle” von Morton Rhue hat bei mir eine Lawine an Fragen losgelöst… manche habe ich bereits hier und hier gestellt… da arbeitet es aber noch ziemlich heftig in mir. Vor allem wenn ich die Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Bildung anschaue, da stehen mir die Haare zu Berge…

Heute habe ich erfahren, dass der Film “Die Welle” am Donnerstag ins Kino kommt, mit Jürgen Vogel als Lehrer und Jennifer Ulrich als rebellischer Schülerin. Im Interview der SpiegelOnline “Schulspiegel” sprechen sie über Tücken elitärer Gruppen und Verführung durch Macht.

Du wirst subtil verführt: Im Vordergrund steht der Gemeinschaftsgeist. Den braucht jede Gruppe, die etwas erreichen will - Greenpeace, die FDP-Jugend, die Pfadfinder oder die Globalisierungsgegner, die in Heiligendamm waren. Es geht darum, gemeinsame Werte und Ideale zu haben, zusammen zu feiern, etwas zu unternehmen. Es geht um das Gefühl, gemeinsam für etwas zu sein – und gegen etwas….

<Quelle und Gesamt Interview>

Mich beschäftigt immer noch diese Frage der subtile Verführung: Passiert sie heute noch?

Vor kurzem las ich bei Oliver Heuler unter anderem über ein Buch namens “Liberal Fascism” und er kommt auf der Faschist in uns allen zu sprechen… in seinem Beitrag ging es vielmehr um Bildung und der (in der Auslandspresse) immer wiederkehrende Entrüstung, der Schulpflicht stamme von Hilter. Zum Schluss schreibt Herr Heuler:

Übrigens: Man kann der Schule Vieles vorwerfen, aber erfolglos ist sie nicht:

Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen (bzw. aus ähnlichen Ansätzen konkurrenzgefährlicher Stellen - Kirche, Städte, Private - usurpiert), um von Kindesbeinen an alle Staatsangehörigen an Gehorsam zu gewöhnen, ihnen die Suggestion von der Notwendigkeit des Staates in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, jede Emanzipationsidee im Keime zu lähmen, die Entwicklung ihres Denkens in wohlgehegte Bahnen zu lenken und sie zu bequemen, regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen.
Walther Borgius, 1930

Auch aus dieser Zeit: Marx/Engels, die in ihren Manifest der Kommunistischen Partei geschrieben haben:

Wir kommunisten entreißen die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse, (…) indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die Gesellschaft setzen.

Aus: Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag, Berlin 1930, S. 63.

Das ganze hat System, wenn du mich fragst. (Dabei darf ich nicht an andere Entwicklungen denken, z. B. “Denunziation genügt. Jeder kann jeden beim Gericht als angeblichen Betreuungsfall anzeigen.” Gestern gepostet unter: Willkür der deutschen Betreuungsmachinerie.) Die Frage ist, was können wir dagegen tun?

Für den Rest eures Lebens werdet ihr niemals mehr zulassen, dass der Wille einer Gruppe die Oberhand über eure Rechte als Einzelmenschen gewinnt.

aus: Die Welle, Morton Rhue, Ravensburger Verlag, 2008 S. 176

Wer kommt mit ins Kino?

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