Das Beste für unsere Kinder: Bildung und Glück – unter diesem Motto findet am 14. und 15. Novermber 2008 an der Universität Göttingen der IX. Kongress für Erziehung und Bildung statt. Versanstalter ist das Institut für berufliche Bildung und Weiterbildug e.V. (ibbw).

Beim Kongress werden nicht nur wichtige Themen frühkindlicher Bildung diskutiert wie die unterschiedlichen familiären Situationen, der Aufbau einer qualitativen Arbeit in der Kinderkrippe, die Bedeutung von Bewegung, die Prävention bei vernachlässigten Kindern, sondern es werden auch Fragen nach dem Sinn von Bildung und der Bedeutung von Glück gestellt.

Die Inhalte der Vorträge können in den Diskussionsforen vertieft und erweitert werden. Ein Pädagogisches Café mit offenen Gesprächsrunden lädt ein zum direkten Erfahrungsaustausch und Kontakt zu den Referenten.

Weitere Informationen, Materialien zum Download und ein Formular zur Anmeldung finden Sie hier. Beachtenswert ist insbesondere das ausführliche Kongressheft!

Einer der Referenten dieses Kongresses ist übrigens Fredrik Vahle zum Thema Sprache, Bewegung und Singen – was den Zusammenhang zwischen Sprache, Bewegung und Singen bewirkt und was das mit dem Glücklichsein zu tun hat.

Hier ist eine kleine Hörprobe vom Album Der Elefant.

Von Bianka hat Bildungsvielfalt einen Blog Award bekommen. Ich bedanke mich ganz herzlich dafür!

Den „Brilliant Weblog Award“ bekommen Websites und Blogs, die besonders wegen ihrer Aktualität, Themen und der Designs auffallen.

Hier sind die Regeln für den Award:

1. Die Ausgezeichneten dürfen das Logo mitnehmen und auf ihrem Blog platzieren.
2. Als Dank setzen sie einen Link zu der Seite, welche sie ausgezeichnet hat.
3. Sucht euch mindestens 7 Blogs aus, welchen ihr diese Auszeichnung verleihen möchtet. Blogs welche eurer Meinung nach brillant in in ihrem Fachgebiet oder im Design sind!
4. Setzt einen Link zu diesen Seiten.
5. Benachrichtigt die Blog-Betreiber, dass sie mit dem Award „Brillante Weblog“ ausgezeichnet wurden.

Ich verleihe den Blog Award an folgende Blogs und Websites weiter:

Informationszentrum Leben ohne Schule
SCHUL-KRITIK.de
bildungsfreiheit.org

Rette sich wer kann!
keimform.de

Kreide fressen
Jugendbücher-Blog
Ratgeber Kinderbuch

Einen Besuch dieser Seiten empfehle ich allen LeserInnen natürlich gerne und ganz besonders.

Was mir noch wichtig ist:
Ich persönlich knüpfe an die Weitergabe des Blog Awards keinerlei Erwartungen bezüglich der Einhaltung der oben genannten Regeln. Ich nutze aber gerne die Möglichkeit, auf diese Weise Seiten, die ich lesenswert finde, ein bißchen bekannter zu machen.

Der 15. Mai ist der Internationale Tag der Familie. Woran denkt man, wenn man Familie sagt? An Mama, Papa, Kind(er), vielleicht noch Oma und Opa, oder auch an Varianten wie Mama, Kind(er), Oma, an gemeinsam verbrachte freie Zeit, Wochenenden, Urlaube, an den Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen, die Geburt des neuen Erdenbürgers, ein erstes Babylächeln, das Heranwachsen vom Kleinkind zum Teenager, Diskussionen mit flügge werdenden Jugendlichen, vielleicht an ein Eigenheim, die Familien“kutsche“, Familienfeiern …

Die Politik setzt, wenn es um Familie geht, klare Wegweiser: In den Vordergrund gestellt wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, man denkt an „Verantwortung, Kinderbetreuung, Kindererziehung, Zukunft, Gesellschaft, Engagement“, wenn man Familie sagt. Das hört sich recht prosaisch an und ist es auch. Darauf wird Familie reduziert – ein Wunder, daß die Gebärlust deutscher Frauen nicht zunehmen will?

Eine etwas ältere Dame, Mutter von sechs erwachsenen Kindern, erzählte mir unlängst, mit wieviel Aufmerksamkeit und Anteilnahme sie ihre Kinder vom ersten Augenblick an und während ihres Heranwachsens wahrgenommen und umsorgt hat. Selbstverständlich war sie als Vollzeit-Mutter für sie da, teilte mit ihnen kleine und große Freuden und war ihnen eine Stütze bei Kummer und Sorgen. Sechs Kinder aufzuziehen, bis sie auf eigenen Beinen im Leben stehen, ist eine enorme Leistung, und der älteren Dame merkte ich an, daß sie darauf auch ein wenig stolz war.

Heute ist eine Mutter dann stolz auf sich, wenn es ihr gelingt, trotz Kind(ern) möglichst unterbrechungslos ihre Karriere zu verfolgen. Das ist das Idealbild der Mutter, gebildet, bürgerlich, ambitioniert, das uns die Politik vorgibt. Und zur Erlangung dieses Ideales sollen auch die bundesweiten Aktionstage zum Ausbau der Kinderbetreuung beitragen, die in Deutschland schon mehrmals am 15. Mai, dem Datum des Internationalen Tages der Familie ausgetragen wurden. Mit dem Slogan „Für Kleine Großes leisten“ wird klargestellt, daß es keinen Zweifel daran gibt, daß institutionelle Betreuung und Erziehung den familiären Rahmen vollkommen ersetzen kann.

von der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

Do 15.05.2008

„Für Kleine Großes leisten“ – Bundesweiter Aktionstag zum Ausbau der Kinderbetreuung

Am heutigen 15. Mai, dem Internationalen Tag der Familie, findet bereits zum dritten Mal der bundesweite Aktionstag der Initiative Lokale Bündnisse für Familie statt. Unter dem Motto „Für Kleine Großes leisten“ dreht sich in diesem Jahr alles um den qualitativen und quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige. In über 240 Orten überall in Deutschland werden dazu Vorschläge für den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur diskutiert, Qualitätskriterien thematisiert und neue Projekte auf den Weg gebracht.

Mit dabei sind Kommunen, Unternehmen, Kammern, Gewerkschaften, Verbände, Stiftungen, freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe, Mehrgenerationenhäuser und alle, die sich für Familien engagieren. Sie sorgen dafür, dass das Thema Kinderbetreuung für die Kleinsten in aller Munde ist.

Lokale Bündnisse für Familie sind auf diesem Gebiet ein wichtiger strategischer Partner in den Kommunen. Sie ermitteln Betreuungslücken, bündeln Ressourcen und entwickeln unbürokratische, innovative und passgenaue Lösungen. Ihre Stärke: Partnerinnen und Partner aus allen gesellschaftlichen Bereichen ziehen an einem Strang. Wichtige Akteure sind dabei in vielen Orten die Betriebe. Das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ beteiligt sich ebenfalls mit eigenen Beiträgen am Aktionstag.

Die Dynamik der vom Bundesfamilienministerium 2004 ins Leben gerufenen Initiative Lokale Bündnisse für Familie zeigt, wie in einer modernen Gesellschaft viele unterschiedliche Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen – zum Nutzen aller Beteiligten.

Aktuelle Beispiele von Vorort-Aktionen der Lokalen Bündnisse für Familie

Mit der Aktion „Kinderbetreuungsmeter“ macht das Bündnis für Familie Coburg auf das Angebot an Betreuungsplätzen in der Stadt aufmerksam. Die Meter stehen hier symbolisch für das pädagogische Personal, die Menschen, die sich engagieren. Jede Mittagsbetreuungs- und Kindergartengruppe bekommt zwei Meter, jede Leihoma, Tagesmutter und so weiter einen Meter. Zusammen mit den Betreuern gestalten die Kinder ihre Meter quer durch die Coburger Innenstadt mit Malen und Basteln.

Das Lokale Bündnis für Familie Magdeburg stellt das Familienzimmer „FaZi“ vor. Das „FaZi“ bietet seit Beginn des Wintersemesters 2007/2008 eine ergänzende, bedarfsangepasste Betreuung für die Kinder von Studierenden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Hochschulstandort Stendal. In Kassel öffnen 18 Kindertagesstätten ihre Türen und geben Einblick in die vielfältige Arbeit. Mit einer Telefonaktion zum Thema „Erziehung und Betreuung“ beteiligt sich das Lokale Bündnis für Familie Ellwangen am bundesweiten Aktionstag.

Das Bündnis für Familie Schleswig informiert gemeinsam mit Trägern von Kindertageseinrichtungen in der Stadt mit Info-Ständen über Kinderbetreuung für unter Dreijährige. Unter der Beteiligung von Unternehmerinnen und Unternehmern wird der Familientag 2008 mit Aktionen und Angeboten begangen. Für Kinder wird unter anderem ein Spielmobil unterwegs sein. Im Landkreis Meißen fällt zum Aktionstag der Startschuss für den Wettbewerb für das familienfreundlichste Unternehmen im Landkreis.

Der Aktionstag bildet ebenfalls den Rahmen für die Gründung von neuen Lokalen Bündnissen. So wird im Landkreis Düren das insgesamt 500. Lokale Bündnis der Bundesinitiative gegründet, das gleichzeitig auch das 100. in Nordrhein-Westfalen ist. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und der nordrhein-westfälische Familienminister Armin Laschet schickten ihre Glückwünsche nach Düren. Sie besuchten am Internationalen Tag der Familie gemeinsam den bilingualen Betriebskindergarten der METRO Group AG in Düsseldorf. Weitere Informationen über das Engagement der Lokalen Bündnisse in Sachen Kinderbetreuung liefert die Praxisbroschüre „Die Kleinsten gut betreut – wie gehen wir es an?“, die vom Bundesfamilienministerium herausgegeben wird.

Ausgewählte Publikationen zum Thema

* Die Kleinsten gut betreut – wie gehen wir es an?

Externe Links zum Thema
Für Kleine Großes leisten! Aktionstag der Lokalen Bündnisse für Familie am 15. Mai 2008

URL:http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Politikbereiche/familie,did=109886.html

Ein qualitativ hochwertiges Angebot an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder jeden Alters ist in jedem Fall wichtig für all diejenigen, die ihre Kinder wirklich fremdbetreuen lassen möchten oder darauf dringend angewiesen sind. Die Fremdbetreuung, und dabei in erster Linie die institutionelle Betreuung aber so vehement in den Vordergrund zu rücken, diskreditiert den Beitrag der Mütter, Tagesmütter, Väter, Omas usw., die Kinderbetreuung und Erziehung in Eigenregie leisten. Besonders deutlich wird diese Diskreditierung immer dann, wenn einer Politikerin oder einem Politiker mal wieder ein verbaler Ausrutscher unterläuft.

Es erstaunt in diesem Zusammenhang vor allem auch das Wort Bildungsschwänzer. Was geschieht mit den kleinen Kindern, den Unter-Dreijährigen, zu Hause? Dämmern sie dort vor sich hin, haben sie dort keine Gelgenheiten oder wirklich weniger als in einer Institution, um sich zu bilden?

Letztes Jahr in Oktober postete ich einen Artikel von Fritz Reheis “Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir…“.  Darin beschreibt er was mittlerweile auch unter Franchising und Marktwirtschaft längst gängige Praxis darstellt:  Konsum, konsum, konsum.  Alles reinstopfen, wenig Zeit zum Verdauen, Verweilen, In-sich-aufnehmen.  Denn der nächste Happen Wissen drängt sich förmlich auf… (irgendwo hatte ich auch von “Bulimie-Bildung” gelesen:  alles in sich reinstopfen und für die Lernkontrolle wieder auskotzen… nicht besonders “appetitlich”…)Da staunte ich nicht schlecht, als ich gestern folgendes gelesen hatte:

“Pauken ohne Pause – Streit ums Turboabitur”

Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir. Aber möglichst schnell. Ab dem kommenden Sommer wird in fast allen Bundesländern das “G8″, das achtjährige Gymnasium, eingeführt sein. Doch die Bewältigung der gleichen Stoffmenge in weniger Zeit setzt Schüler und Lehre unter Druck. Sie beklagen, dass kaum Zeit für die Vertiefung eines Themas bleibt – geschweige denn für die Hobbys am Nachmittag. Macht die Schule unsere Kinder kaputt?

Zu finden bei TeachersNews als PROGRAMMHINWEIS für Donnerstag, 21. Februar 2008, 22.15 Uhr auf Phoenix:

Anke Plättner diskutiert in der PHOENIX Runde mit Prof. E. Jürgen Zöllner (Bildungssenator in Berlin) Gerhard Braun (Vizepräsident Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände), Susanne Gaschke (DIE ZEIT), Harald Mier (Schulleiter Schadow-Gymnasium Berlin) und Bernd Sibler (CSU, Staatssekretär Kultusministerium Bayern).

Da werde ich vielleicht mein Fernsehabstinenz heute Abend aufheben, denn ich habe vor etwa sechs Jahren das Buch “Die Erziehungskatastrophe–Kinder brauchen starke Eltern” gelesen.  Mir hat die Schreibweise von Frau Gaschke sehr beeindrückt, bei ihren Schreiben kommen Fragen auf, die –wenn man sich Gedanken macht über Bildung, Familien und Politik macht– Beantwortet werden wollen:

Zum Beispiel,

  • ob der Konsens, dass Kinder staatlich betreut werden müssen, damit Mammi und Pappi Geld verdienen können, wirklich so toll ist?
  • Ob die Dogmen der Kindergartenerziehung oft nur die schiere Faulheit und Erziehungsunfähigkeit des Personals kaschieren?
  • Ob die Kriterien der Jugendhilfe Unverantwortlichkeit geradezu züchten (und damit Jahr für Jahr Milliarden verballern, ohne jede Erfolgskontrolle)?
  • Ob die Grundschulen ihrer Aufgabe noch gerecht werden und die Anhäufung immer neuer Anforderungen (sprachliche Früherziehung, Integration etc.) die Schule nicht von ihrem Erziehungsauftrag entfernt?
  • Ob sich hinter Internet- und Medien-Euphorie als Heilmittel für Gymnasial- und Universitätsbildung mehr verbirgt als schiere Resignation?

Was denkst du über diese Fragen?  

(Passt genau zum gestrigen Thema vom Frontal 21:  “Überforderte Schüler. Das Milliardengeschäft Nachhilfe“,
den man sich auch als video ansehen kann.)

Liebe Anitz,

danke für den interessanten Artikel! Ich kenne das Buch nicht, habe auch die anderen Bücher der Autorin nicht gelesen.

Aber das kenne ich sehr gut aus meiner eigenen Kindheit, von der Generation der Mütter (nicht Väter!) meiner Mutter: “Und wir benehmen uns dabei immer häufiger wie charakterlose Streber, die nur danach trachten, die anderen auszustechen, um auf dem dunklen Hintergrund des kläglichen Versagens der Nachbarin den eigenen Stern um so heller strahlen zu lassen.” (Man braucht lediglich “Nachbarin” durch z. B. “Schwägerin” zu ersetzen.)

Damals gab es nicht den Kult um die “Optimierung des eigenen Kindes”, dazu hatte man wohl a) genug Gottvertrauen, daß aus diesem bei entsprechender Erziehung schon was rechtes werden würde, und b) die entsprechenden Erziehungsmethoden (autoritär) noch nicht als evt. unangemessen in Zweifel gezogen.

Es ging damals um die Optimierung und entsprechende Präsentation des eigenen Hauses und Haushaltes, darum, bei wem man nun tatsächlich vom Boden essen könne, weil dieser sauberer und strahlender war als ein niegelnagelneuer Porzellanteller. Es ging darum, wer welches Gericht nun wirklich am besten kochen könne und all diese Hausfrauendinge. Natürlich verglich man auch die eigene Brut und stand mit sotzgeschwellter Brust da, wenn diese besonders reüssierte bzw. schob dieses Thema dezent in eine dunkle Ecke, wenn dem nicht so war, aber der Umgang mit der eigenen Brut war dennoch sehr viel natürlicher. (Vermutlich eben, weil man es nicht vorrangig als auf dem eigenen Mist gewachsen ansah, was aus der Brut wurde, sondern als mehr oder weniger Gottgegeben.)

Bei den heutigen Supermüttern gilt es selbstverständlich als Voraussetzung, um zu dieser Kaste gehören zu können, daß der Haushalt ebenfalls 1a-mäßig präsentabel ist, aber er steht nicht mehr im Mittelpunkt. Und eigenes Kochen ist sehr unwichtig geworden, genauso als ausreichend standesgemäß wird eine Versorgung mit den teuren der Feritg- oder Halbfertigprodukte angesehen. Das wäre damals undenkbar gewesen, was nicht selber gekocht oder gebacken oder eingemacht worden war, galt als unfein.

Die Welt der Familien war damals halt noch nicht ver-rückt worden. An der Spitze standen klar die Eltern, der Vater etwas höher als die Mutter, wenn es um den Autritt in der Welt draußen ging, die Mutter deutlich höher als der Vater in allen Belangen rund ums Heim (Haushalt und Kindererziehung). Die Kinder waren Nachkommen und Erben, Söhne z. B. häufig direkte Erben väterlicher Vornamen und väterlicher Betriebe/Geschäfte/Berufe. Die Familien hatten ja auch mehrere Kinder, so daß sich das auf sie gelegte Augenmerk automatisch aufteilte und damit für jedes dieser Kinder sanfter ausfiel als dies bei einem Einzelkind der Fall gewesen wäre. Es war nicht vorrangig wichtig, ob nun jedes Kind ein eigenes Zimmer hatte, selbstverständlich standen die Kinder in der zweiten Reihe hinter ihren Eltern.

Heute definieren sich Eltern nicht mehr über den Beruf (wobei ich die Betätigung der Mütter als Hausfrauen und Kindererzieherinnen auch als solchen werte), sondern stehen als Vasallen hinter ihren Kindern. Sie definieren sich über das, wie ihr Kind (mehr als ein oder zwei snd ja selten) in der Welt steht – und das schon von der Zeit vor dem Kiga an, wenn Mütter die Kids in Pekip-Gruppen und ähnliches schleppen und bereits da die Vergleicherei mit den anderen Kids beginnt.

Der Stellenwert der ursprünglich für das Selbstbewußtsein wichtigen Berufe von Vätern und Müttern ist einerseits durch im Hintergrund beständig drohenden Verlust von Anstellung oder eigenem Geschäft (strukturelle Verunsicherung) der Väter und andererseits durch die konsequent verlaufene Erniedrigung des Hausfrauen- und Mutterdaseins (ideologische Verunsicherung) nun völlig ausgehebelt worden. So gerieten gerade die Mütter unter einen weiteren Zwang, denjenigen, neben ihrem Dasein als “Familienmanagerinnen” auch noch außerhäußig erwerbstätig zu sein. (Eine “Familienmanagerin” braucht nicht mehr selbst Zuneigung zu geben und Kleinkinder im Arm zu halten, zu waschen, zu putzen, zu kochen, die Kinder zu hüten und mit ihnen zusammen zu sein, ihre Arbeit ist dann ebenso perfekt gelungen, wenn sie all diese Dinge wohlorganisiert an andere Personen wie Au-Pairs, Tagesmütter oder angesagte Kinderbetreuungseinrichtungen abgibt. Eine “Nur-Mutter” muß diese Dinge schon überwiegend selber tun, damit sie ihre Aufgabe als gelungen ansehen kann.)

Insofern könnte ich mir vorstellen, daß Gerlinde Unverzagts Konzentration auf die Mütter unserer Tage und das Ausblenden der dazugehörigen Väter keine Nachlässigkeit von ihr ist, sondern sehr bewußt (und zurecht) geschieht: Es sind m. E. heutzutage definitiv die Mütter, die durch ihr Tun und Unterlassen, durch ihre Forderungen und Verschmähungen, letztenendes aber gerade durch ihr mangelndes Selbstbewußtsein _als_ Mütter dazu beitragen und beigetragen haben, daß Familien nach einem ungeheuren Wandel nicht mehr sind und sein können, was sie einmal waren. Wenn die Familie nun aber in erster Linie am auf den Präsentierteller erhobenen Kind beurteilt wird, und wenn diejenigen, aus denen das Kind physisch hervorging, deutlichst geschwächt sind, dann ist es ja klar, daß am gelungenen Ergebnis Experten ihren Anteil gehabt haben müssen, sonst hätte es niemals gelingen können. Woraus die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Experten wiederum für weitere Betroffene abgeleitet werden kann und wird usw. (Daß auch Experten versagen, gerät immer schnell in Vergessenheit, und ich könnte mir denken, daß Gerlinde Unverzagt mit ihrem neuesten Buch ungewollt den Experten zu noch größerer Wichtigkeit verhilft, weil sich alle mit Begeisterung auf die versagenden Mütter stürzen werden, ein gefundenes Fressen für die aktuelle Familienpolitik … Es werden halt nun die Experten “von der anderen Seite” zu Wort kommen, die Kindheitsforschern, die immer schon wußten, daß zuviel Verkopfung schlecht ist etc., aber halt bestimmt _wieder_ Experten.)

Eigentlich bräuchten wir eine klare und vorbehaltlose Anerkennung der Mütter als Mütter, um diesem Teufelskreis zu entfliehen, in einem extrem patriarchalen Land wie Deutschland (ja, so erlebe ich Deutschland seit langem, ich bin übrigens Jahrgang 61) ganz besonders. Sogenannte Frauen”emanzipation” (hahaha) hat dies in Deutschland m. E. im übrigen zusätzlich verhindert.

Deine Eljascha

*******

Wie denkst du zum Thema „Supermuttis“?

*Anmerkung:  Teil 1 kannst du gerne vorher lesen. 

Hallo Bea,

ich gebe Dir absolut recht in dem, was Du schreibst. An meiner eigenen Familie konnte ich genau dasselbe beobachten. An mir selbst natürlich ganz besonders. Ein Grund mehr für mich, all diese Muster aufzulösen (viel Arbeit – bin immer noch dabei ;) ).

Aber gerade deshalb zieht für mich die Argumentation mit der Sozialisierung in der Schule nicht. Es ist höchstens ein Umfeld, indem man das zu Hause erlernte erprobt, und sich unter umständen ständig beweist, was man zu Hause gelernt hat. Z.B. wenn jemand ein sehr schlechtes Bild von sich selber hat, wird er sich in der Schule Situationen suchen, in denen dies zum Ausdruck kommt, etc.

Deshalb bin ich bei dieser ganzen Schul- und Elternpolitik ja auch dafür, die Familien und Eltern zu *stärken*. Es muss viel mehr dafür getan werden, dass Eltern ihre Rolle als wichtig, positiv und gut ansehen, dass sie ihre große Verantwortung auch erkennen.  So wäre es z.B. eine tolle Sache, wenn in Schulen ein Programm angeboten würde, um die Jugendlichen auf ihre zukünftige Rolle als Partner und Familie vorzubereiten – nicht so sehr als Unterricht, sondern als Austausch, als Selbsterarbeitungsprogramm. Irgendwie soetwas.

Auf anderer Ebene müsste es viel mehr Beratung und Unterstützung für Eltern geben, mehr Gemeinschaft und Austausch für Familien. Familienzentren wären dafür z.B. ganz toll. Anstatt das Ziel im Kiga zu haben, die Kinder ihrer Eltern zu entwöhnen (Selbständigkeit), sollte es Orte für gleichermaßen Kinder UND Eltern geben (auf freiwilliger Basis). Ein offener Ort für Austausch, Aktivitäten, Beratung, und vieles mehr. Eltern kämen miteinander in Kontakt und könnten sich gegenseitig unterstützen.

Kinder hätten gleichaltrige zum Spielen, und gleichzeitig vieleAnspre chpersonen.

Naja, du kannst Dir den Gedanken im Kopf weiterspinnen. :-)

Lieber Gruß,
Isla

Das erste Mal, als ich mit dem Begriff Homeschooling konfrontiert wurde, passiert etwa vor einem Jahr. Zuvor begegnete mir das Thema nur flüchtig in Form der gängigen Klischees, die uns meist in Berichterstattungen ins Auge springen, nämlich daß Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten religiöse Fanatiker sind, die Kreationismus predigen und sich gegen Sexualkundeunterricht aussprechen. Die Freundin, die mir davon berichtete passte aber in keinster Weise in dieses Vorurteil, denn sie war gebildet und wirkte in ihrem Handeln sehr bedacht. So sah ich dies als Anlaß mir die Gründe für eine unbeschulte Kindheit genauer anzuschauen. Die Kontraseite war mir ja allzu bekannt, denn sie beherrscht ja das übliche Meinungsbild, aber ich konnte mir schwer vorstellen, was es für andere Gründe Pro-Unbeschult geben sollte, außer das Kind von der Gesellschaft fern zu halten und ihm ein ein festes, beengendes Weltbild zu vermitteln, frei von Selbstentfaltung.

Ich begann mit dem Buch „Wie kleine Kinder schlau werden“ von John Holt, dessen Titel eine miserable Übersetzung aus dem Englischen ist, der Originaltitel nämlich lautet „How children learn“. Allein der Titel wäre fast der Grund gewesen mir dieses wundervolle Buch nicht durchzulesen, aber was sich mir dann dort eröffnete, war die Erkenntnis, wie Kinder mit vollstem Interesse alles in ihrer Umwelt in sich aufsaugen, wie sie mit jedem Atemzug die Welt um sich herum aus freien Stücken erforschen, ohne daß auch nur ein Lehrer sie dazu veranlasst hat. Dies dauert leider oft nur an bis sie in die Schule kommen, vielleicht hält die sogar Energie noch eine Weile, jedoch verebbt die Freude am Erkunden von allem Greifbarem Stück für Stück. Dieses Buch musste ich erst langsam in mir wirken lassen und weil ich Mutter eines zweijährigen Jungen bin, fing ich an sein Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus wahr zu nehmen. Zuvor erschien mir sein Umgang mit der Umwelt eher als lästig, weil es viel meiner Zeit in Anspruch nahm, es gelang mir jedoch bis dato nicht wirklich die Perspektive zu wechseln und wirklich zu verstehen, was sein Tun für ihn selbst bedeutet.

Das erste Argument gegen Homeschooling hielt also nach näherer Betrachtung in keinster Weise stand, denn Lernen offenbarte sich plötzlich in jeder Handlung. Er fordert mich von sich aus auf, Bücher zu lesen, bittet mich darum Dinge zu benennen oder zu erklären. Sein Wesen ist so voller Wissbegierde, daß ich mir mittlerweile in keinster Weise mehr Gedanken mache, ob er denn Lesen, Rechnen oder Schreiben lernt.

Ich begann zu lesen und zu lesen. Buch reihte sich an Buch und so zerfielen die Argumente eins nach dem anderen.

Das zweite Argument, daß Kinder in der Schule Disziplin erlernen sollen, widerstrebte mir von vornherein, denn ich erinnere mich oft an meiner eigene Kindheit, wie verletzend es war, wenn Menschen meine Freiheit beschnitten, die oft angefüllt war mir Interesse und positiven Intentionen, nur im Namen einer Erziehungsmaxime. Disziplin habe ich bis heute nicht und dabei war die Atmosphäre meiner Kindheit davon getränkt.

Auch das Argument, daß die Kinder auf den Ernst des Lebens in der Schule vorbereitet werden sollen, galt in meinen Augen nicht, denn was soll dagegen sprechen, daß sich ein Kind seinen Lebensweg selbst formt?

Es bliebt mir noch eine allerletzte Bastion, die es zu erobern galt und diese stellte sich als die allerschwerste heraus: Die Frage, wie denn ein Kind lernt in der Gemeinschaft zu leben, sich zu sozialisieren.

Und so kam es zu folgendem Austausch mit einer befreundeten Mutter:

Liebe Isla,

ein Argument für Beschulung, das auch bei mir lange gezogen hat, ist ja immer wieder die Sozialisierung. Kinder müssen in die Schule, weil sie ja sonst nicht lernen mit anderen Menschen umzugehen. Ja, klingt logisch, dachte ich erst, denn dort ist alleine das Argument aufgrund der Quantität der Menschen, die aufeinander trifft überzeugend. Jetzt ist fünf Uhr Nachts und ich kann nicht schlafen, weil mich ein Gedanke nicht mehr los läßt.

Mein Hintergrund basiert immer wieder auf Alice Millers Erkenntnissen, mit besonderer Faszination, wie nahezu identisch unreflektierte Erlebnisse, von uns als Erwachsenen reproduziert werden, ganz besonders an unsere Kinder weiter gegeben werden. Ich hatte mir da schon einige Zeit Gedanken zu meiner eigenen Sozialisation gemacht – gar nicht um zu Jammern, oder ähnliches, einfach als Beobachtungsaspekt.

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf ohne nahezu Gleichaltrige, oder auch nur annähernd interessante Spielgefährten. Ich weiß noch nicht einmal, ob das den Effekt verstärkt oder nicht, oder ob es an sich recht unwichtig ist. Jedoch fiel mir gerade heute Nacht auf, wie absolut prägend das Bild war, das mir meine Eltern als sozial agierende Person vermittelt haben. Wie quasi das Urteil von ihnen zu DEM Bestimmungsfaktor für die Form der sozialen Interaktion überhaupt wurde. Also etwa eine selbsterfüllende Prophezeihung.

In allererster Linie spielt natürlich die Interaktion mit den Eltern eine Rolle, so wie diese sich dem Kind gegenüber verhalten, so verhält sich das Kind auch anderen gegenüber. A La „Das kompetente Kind“ von Jesper Juul.

Ganz grob also, wir – was wir ja nicht machen, aber als Beispiel – wir Klopfen dem Kind auf die Finger, oder Schlagen es, was tut das Kindin seinem nächsten Umfeld? Es hat für sich diese Art des Umgangs im praktischen als die richtige gelernt und wendet sie bei Gleichaltrigen oder Jüngeren an – von älteren erwartet es vermutlich ähnliche Reaktionen, wie die Eltern sie bieten. Das Kind wählt also auch eine vehemente Form, sich von Unliebsamen zu befreien, weil das mit dem auf die Finger klopfen jetzt im Umgang mit anderen Kindern nicht so ganz nahe liegt, schubbst das Kind die anderen oder haut sie. Die Reaktion der Eltern im Allgemeinen: Sie schelten das Kind und brennen somit ein Stück weit mehr das Selbstbild in das Kind „Ich bin falsch, denn meine Eltern dürfen etwas an mir praktizieren, was ich an anderen nicht umsetzen darf, also muß der Fehler bei mir liegen.“

Ich beschreibe mich hier mal als pathologisches Fallbeispiel. Eltern reproduzieren unreflektiert die eigenen Kindheit, die sehr traumatisch war, lassen jedoch größtenteils physische Bestrafung weg. So werden die Abneigungen, die sie selbst erlebt haben projiziert plus der Aspekt, daß der Umkehreffekt dazu kommt, soll heißen, daß die Eltern unliebsame Teile der ja nicht hinterfragten eigenen Eltern auf das Kind übertragen werden, weil es für ein unterdrücktes Kind niemals sein dürfte die Eltern als fehlerhaft zu sehen.

Kind wird also im Verhalten negativ bewertet, gibt Erlebtes weiter, wird in seinem Sozialisierungsversuch negativ bewertet und so bildet sich das Bild, wie das Kind auf andere wirkt. Das ist natürlich nicht der ausschließliche Faktor, denn in einer gesunden Familie, kann das Kind sich die Freiheit nehmen selbst zu sehen, in einer autoritären Familie jedoch wird es gesehen. Was nicht heißt, daß es nicht auch dort selbst Beobachtungen anstellt, diese jedoch müssen zugunsten der übermächtigen Erwachsenen untergeordnet werden.

So kommt es dann auch zu der Spirale, daß wir uns immer wieder Menschen aussuchen, mit denen wir die gleichen Konflikte haben, die im Verhalten die gleichen Eigenarten aufzeigen, wie die Eltern, oder eben das näheste Umfeld – solange wir uns nicht erlauben das Verhalten der eigenen Eltern zu hinterfragen. Wir gehen raus und die Menschen reagieren alle ähnlich auf uns.

Beispielsweise hatte sich in mich das Selbstbild eingebrannt, nahezu monströs zu sein, bösartig, schlecht, auf keinen Fall liebenswert, das hatte ich immer im Hinterkopf bei Begegnungen mit anderen Menschen.  Vor allem eben die Angst, mein Gegenüber könnte meine Schlechtigkeit durchschauen und genau aber, weil ich vor allem durch meine Körpersprache und die Art der Konversation dieses Bild mit jeder Zelle spiegelte, reagierte dann auch meine Umwelt so auf mich. Die Reaktionen des Gegenübers waren entsprechend dem, wie ich es erwartete. Sprich, weil ich mich klein und häßlich machen ließ und machte, wurde ich von außen auch so wahrgenommen. 

Alles fiel im Prinzip wieder auf das Selbstbild durch die Eltern zurück – das mag jetzt in einer Umgebung, in der Kinder sich vielleicht natürlicher selbst erproben können, ohne eingreifende Instanz, stark abgeschwächt sein, oder vielleicht nahezu aufgehoben. Jetzt gehe ich jedoch von der Durchschnittsfamilie aus, deren Prinzip auf Beurteilung von gut und böse basiert, so präsentieren sich die Eltern schon als richtende Instanz und vermitteln gerade mit empfohlenen Erziehungsmethoden Unzufriedenheit.

Das hört sich jetzt fast ein bisschen an, wie ein Plädoyer gegen homeschooling, aber Nein, das ist es in keinster Weise, sondern vielmehr wollte ich damit aufzeigen, wie grundlegend wichtig das respektvolle Miteinander in der Familie für das Selbstbild nach außen ist und zusätzlich, wie wenig ich dadurch glaube, daß Schule als Sozialisierungsfaktor in Frage kommt. Letztenendes läuft sogar die Art, wie man Bekanntschaften, Freundschaften und Beziehungen knüpft und umsetzt auf diesen Aspekt hinaus, so daß sich gleichzeitig die Zweifel, ob denn mein Sohn überhaupt Freundschaften schließen kann, wenn er nicht in die Schule geht, beginnen aufzulösen.

Leider gelingt es mir nie so recht konzentriert eine Linie zu halten, um schlüssig zu argumentieren, aber ich glaube das Wesentliche ist mir doch gelungen und es würden mich brennend Deine Meinungen dazu interessieren!!!

Liebe Grüße

Bea (Wilde Blume)

Schuldebatte

Über Eltern dürfen wir nicht schweigen

Von Christian Geyer

Das hört man gern. Die Debatte um das Turbo-Gymnasium scheint erste Früchte zu tragen. Die Politik reagiert. Eine „Bildungskompetenz“ vorspiegelnde ministerielle Anmaßung wird als solche erkannt und in die Schranken gewiesen. Mehrere Ministerpräsidenten kündigen an, die ungemein schlampig und inkompetent durchgeführte Schulreform reformieren zu wollen.  Und zwar nicht irgendwann, sondern so, dass die Reform der Reform schon im übernächsten Schuljahr greifen könne, wie soeben Günther Oettinger erklärt. Regierungschefs ließen das gesellschaftliche Großthema bisher treiben. Nun ist man offenbar aufgewacht. Anders gesagt: Man ist jäh auf den Hosenboden gefallen, auf den zu setzen man den Fünft- und Sechsklässlern stereotyp empfiehlt, wenn man ihnen im Turbo-Gymnasium bis zu fünfzig Stunden Lernzeit pro Woche abverlangt – und sie damit um entscheidende außerschulische Lebenserfahrungen bringt, von der Überforderung der Eltern durch Dauernachhilfe zu schweigen. Jetzt rückt das Thema auf der politischen Agenda endlich dorthin, wo es hingehört:  nach ganz oben.

Je heftiger und öffentlicher der Streit um die Vorschläge zur Straffung des Unterrichts in concreto geführt wird, desto geringer die Gefahr, dass das Thema wieder in jenes entsetzlich verschwiemelte schulpolitische Klein-Klein zurücksackt, in dem es bisher feststeckte, klein- und schöngeredet von den knochentrockenen „Bildungsexperten“, welche gewöhnt sind, ihre administrativen Tischvorlagen zu humanistischen Manifesten hochzuschreiben. Da es im fachpädagogischen Betrieb wie nirgends sonst einen durch nichts zu irritierenden besserwisserischem Elan gibt, einen Mitteilungsdrang höchster Emsigkeit, braucht man sich um die Lebendigkeit der G8-Debatte fürs erste keine Sorge mehr zu machen. Was am Ende zählt, ist der politische Wille, sich über all diese Nickligkeiten hinwegzusetzen und Kindern ihre Kindheit zu sichern.

Ein boulevardesker Zungenschlag

Wer über Kindheit redet, darf über Eltern nicht schweigen. Sie bilden gleichsam den zweiten Debattenstrang des Themas. Hier mischt seit dieser Woche Lotte Kühn die Szene auf. Der Mutter von vier Kindern, die mit richtigem Namen Gerlinde Unverzagt heißt, war mit dem „Lehrerhasserbuch“ ein Bestseller gelungen. Nun ist ihr neues Buch „Supermuttis“ im Handel.  Der Untertitel – „Eine Abrechnung mit überengagierten Müttern“ – ist nicht ganz korrekt, handelt es sich doch in Wahrheit um eine Abrechnung auch mit überengagierten Vätern. Kindheit ist demnach nicht nur durch eine Schule bedroht, die sich als Managerschmiede für Sechstklässler geriert, sondern nicht minder durch Eltern, die – von „Bildungsexperten“ kirre gemacht – ihre Kinder überbehüten, eine overprotection betreiben, die wiederum die Kinder kirre, verwöhnt und maulig macht. Es ist das Pathos der Praktikerin, mit dem Lotte Kühn auch diesmal vielen Eltern aus dem Herzen sprechen dürfte.

Die abschätzige Art, mit der sie die akademischen Erziehungsbegleiter behandelt, hat bei ihr Methode. Da sie nicht nur vier Kinder erzieht, sondern ihr Urteilsvermögen mit einem gekonnt pamphletistischen Stil verbindet, macht sie den Besserwissern die Widerrede schwer. Das Phänomen Lotte Kühn zeigt ähnlich wie der Debattendurchbruch bei G 8: Manche Themen haben erst dann eine Chance, sachgemäß debattiert zu werden, wenn ein boulevardesker Zungenschlag einkehrt. Nur so werden sie aus der Sphäre des Verstiegenen, Verschrobenen und Manierierten herausgerissen, in der sie kaltgestellt waren.

Unter Lotte Kühns verfremdenden Blick erscheint der betuliche Perfektionismus, wie er sich heute mit der Idee der Kinderaufzucht verbindet, als historisch einmalige Idiotie. Unter Überschriften wie „Alles in Mutter“, „Der Kult ums Kind“ oder „Ratschläge sind auch Schläge“ legt die Autorin eine Aufklärungsschrift vor, die aller Fachpädagogik den letzten verbliebenen Schneid nimmt.

Mütter wie Treibgut

Dass die abstrakte, gleichwohl stets gegenwärtige Optimierungsidee nicht nur Kinder ruiniert, sondern auch Eltern unter einen bizarren Leistungs- und Konkurrenzdruck bringt, wird in Kapiteln dargelegt wie „Warum Mütter andere Mütter nicht leiden können“, „Warum hierzulande jeder einer Mutter erzählen darf, was eine gute Mutter ist“ oder „Zickenterror, Stutenbissigkeit und Kampfmutterschaft“. Man wird, wie gesagt, in etlichen Passagen „Mütter“ durch „Väter“ ersetzen können. Eine Streitschrift wider den Zeitgeist als Expertengeist, wie sie deftiger und wahrer nicht zu wünschen ist.

Diese Autorin hat den Durchblick, den die „besserwisserische Expertenzunft“ (Lotte Kühn) gerade verstellt: „Das überbordende Angebot an Ratschlägen verwirrt nicht nur, sondern lässt Müttern im medialen Stakkato immer neuer Fachbegriffe und Erkenntnisse die Ohren klingen. Wir Mütter schwimmen wie Treibgut im Meer modischer Erziehungsstrategien, konzentrierter Gesundheitsfürsorge und einfühlsamer Sicherheitsverwahrung unserer Kinder; wir leben ständig in der furchtsamen Erwartung, alles, was wir bisher getan haben, als falsch entlarvt zu sehen und an den Klippen der Optimierung des eigenen Kindes gestrandet zu sein. Und wir benehmen uns dabei immer häufiger wie charakterlose Streber, die nur danach trachten, die anderen auszustechen, um auf dem dunklen Hintergrund des kläglichen Versagens der Nachbarin den eigenen Stern um so heller strahlen zu lassen.“

Und tatsächlich geschieht an der Hand der Lotte Kühn etwas Sonderbares mit uns: Die schlichte, ganz und gar nicht romantisierende Beschreibung der früheren, noch am eigenen Leib erlebten Kindheit kommt uns wie das Protokoll einer großen Wurstigkeit aus einer versunkenen Welt vor. Sollte damals – vor gerade mal dreißig, vierzig Jahren – etwa nichts von dem eine Rolle gespielt haben, was uns heute als unbedingtes Gebot früh- und spätkindlicher Förderung vor Augen steht? Gab es noch keine Hirnforschung, die die Eltern dazu anhielt, ihre Kinder täglich mit „Anregungen“ zu überhäufen, damit sich nur ja die Hirnzellen förderlich verschalten? War man damals gar noch frei von der Angst, „Fehler“ im Umgang mit seinen Kindern zu machen, ihnen durch irgendwelche Nachlässigkeiten von heute einen „Schaden“ für immer zuzufügen?

Unbeschwerte Kindheit

Lotte Kühn gesteht das Unsagbare: „Das Abendessen nahmen wir Kinder allein ein, denn meine Eltern wollten dann und wann für sich sein, ungestört von Kindergeplapper, Geschwisterstreit und umfallenden Saftgläsern. Was für ein egoistisches, kinderfeindliches Verhalten! Meine Mutter hätte bei den Müttern von heute wohl keine Chance gehabt, als gute Mutter zu gelten.“  Wie sind wir damals bloß alle davongekommen? Waren wir verwahrlost und merken es erst heute?

Wie es aussieht, brauchen wir nicht nur eine Debatte über das Turbo-Gymnasium. Wir brauchen eine Debatte über die Frage, wie Eltern wieder lernen können, sich selbst zu vertrauen. Eine Verständigung darüber, was wir unter unbeschwerter Kindheit verstehen wollen.  Unbeschwerte Kindheit, das hieße heute doch wohl auch dies: eine Kindheit unbeschwert vom Geschwätz unserer aufgeplusterten Kindheitsexperten.

Text: F.A.Z., 08.02.2008, Nr. 33 / Seite 33

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