Das erste Mal, als ich mit dem Begriff Homeschooling konfrontiert wurde, passiert etwa vor einem Jahr. Zuvor begegnete mir das Thema nur flüchtig in Form der gängigen Klischees, die uns meist in Berichterstattungen ins Auge springen, nämlich daß Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten religiöse Fanatiker sind, die Kreationismus predigen und sich gegen Sexualkundeunterricht aussprechen. Die Freundin, die mir davon berichtete passte aber in keinster Weise in dieses Vorurteil, denn sie war gebildet und wirkte in ihrem Handeln sehr bedacht. So sah ich dies als Anlaß mir die Gründe für eine unbeschulte Kindheit genauer anzuschauen. Die Kontraseite war mir ja allzu bekannt, denn sie beherrscht ja das übliche Meinungsbild, aber ich konnte mir schwer vorstellen, was es für andere Gründe Pro-Unbeschult geben sollte, außer das Kind von der Gesellschaft fern zu halten und ihm ein ein festes, beengendes Weltbild zu vermitteln, frei von Selbstentfaltung.
Ich begann mit dem Buch „Wie kleine Kinder schlau werden“ von John Holt, dessen Titel eine miserable Übersetzung aus dem Englischen ist, der Originaltitel nämlich lautet „How children learn“. Allein der Titel wäre fast der Grund gewesen mir dieses wundervolle Buch nicht durchzulesen, aber was sich mir dann dort eröffnete, war die Erkenntnis, wie Kinder mit vollstem Interesse alles in ihrer Umwelt in sich aufsaugen, wie sie mit jedem Atemzug die Welt um sich herum aus freien Stücken erforschen, ohne daß auch nur ein Lehrer sie dazu veranlasst hat. Dies dauert leider oft nur an bis sie in die Schule kommen, vielleicht hält die sogar Energie noch eine Weile, jedoch verebbt die Freude am Erkunden von allem Greifbarem Stück für Stück. Dieses Buch musste ich erst langsam in mir wirken lassen und weil ich Mutter eines zweijährigen Jungen bin, fing ich an sein Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus wahr zu nehmen. Zuvor erschien mir sein Umgang mit der Umwelt eher als lästig, weil es viel meiner Zeit in Anspruch nahm, es gelang mir jedoch bis dato nicht wirklich die Perspektive zu wechseln und wirklich zu verstehen, was sein Tun für ihn selbst bedeutet.
Das erste Argument gegen Homeschooling hielt also nach näherer Betrachtung in keinster Weise stand, denn Lernen offenbarte sich plötzlich in jeder Handlung. Er fordert mich von sich aus auf, Bücher zu lesen, bittet mich darum Dinge zu benennen oder zu erklären. Sein Wesen ist so voller Wissbegierde, daß ich mir mittlerweile in keinster Weise mehr Gedanken mache, ob er denn Lesen, Rechnen oder Schreiben lernt.
Ich begann zu lesen und zu lesen. Buch reihte sich an Buch und so zerfielen die Argumente eins nach dem anderen.
Das zweite Argument, daß Kinder in der Schule Disziplin erlernen sollen, widerstrebte mir von vornherein, denn ich erinnere mich oft an meiner eigene Kindheit, wie verletzend es war, wenn Menschen meine Freiheit beschnitten, die oft angefüllt war mir Interesse und positiven Intentionen, nur im Namen einer Erziehungsmaxime. Disziplin habe ich bis heute nicht und dabei war die Atmosphäre meiner Kindheit davon getränkt.
Auch das Argument, daß die Kinder auf den Ernst des Lebens in der Schule vorbereitet werden sollen, galt in meinen Augen nicht, denn was soll dagegen sprechen, daß sich ein Kind seinen Lebensweg selbst formt?
Es bliebt mir noch eine allerletzte Bastion, die es zu erobern galt und diese stellte sich als die allerschwerste heraus: Die Frage, wie denn ein Kind lernt in der Gemeinschaft zu leben, sich zu sozialisieren.
Und so kam es zu folgendem Austausch mit einer befreundeten Mutter:
Liebe Isla,
ein Argument für Beschulung, das auch bei mir lange gezogen hat, ist ja immer wieder die Sozialisierung. Kinder müssen in die Schule, weil sie ja sonst nicht lernen mit anderen Menschen umzugehen. Ja, klingt logisch, dachte ich erst, denn dort ist alleine das Argument aufgrund der Quantität der Menschen, die aufeinander trifft überzeugend. Jetzt ist fünf Uhr Nachts und ich kann nicht schlafen, weil mich ein Gedanke nicht mehr los läßt.
Mein Hintergrund basiert immer wieder auf Alice Millers Erkenntnissen, mit besonderer Faszination, wie nahezu identisch unreflektierte Erlebnisse, von uns als Erwachsenen reproduziert werden, ganz besonders an unsere Kinder weiter gegeben werden. Ich hatte mir da schon einige Zeit Gedanken zu meiner eigenen Sozialisation gemacht - gar nicht um zu Jammern, oder ähnliches, einfach als Beobachtungsaspekt.
Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf ohne nahezu Gleichaltrige, oder auch nur annähernd interessante Spielgefährten. Ich weiß noch nicht einmal, ob das den Effekt verstärkt oder nicht, oder ob es an sich recht unwichtig ist. Jedoch fiel mir gerade heute Nacht auf, wie absolut prägend das Bild war, das mir meine Eltern als sozial agierende Person vermittelt haben. Wie quasi das Urteil von ihnen zu DEM Bestimmungsfaktor für die Form der sozialen Interaktion überhaupt wurde. Also etwa eine selbsterfüllende Prophezeihung.
In allererster Linie spielt natürlich die Interaktion mit den Eltern eine Rolle, so wie diese sich dem Kind gegenüber verhalten, so verhält sich das Kind auch anderen gegenüber. A La “Das kompetente Kind” von Jesper Juul.
Ganz grob also, wir - was wir ja nicht machen, aber als Beispiel - wir Klopfen dem Kind auf die Finger, oder Schlagen es, was tut das Kindin seinem nächsten Umfeld? Es hat für sich diese Art des Umgangs im praktischen als die richtige gelernt und wendet sie bei Gleichaltrigen oder Jüngeren an - von älteren erwartet es vermutlich ähnliche Reaktionen, wie die Eltern sie bieten. Das Kind wählt also auch eine vehemente Form, sich von Unliebsamen zu befreien, weil das mit dem auf die Finger klopfen jetzt im Umgang mit anderen Kindern nicht so ganz nahe liegt, schubbst das Kind die anderen oder haut sie. Die Reaktion der Eltern im Allgemeinen: Sie schelten das Kind und brennen somit ein Stück weit mehr das Selbstbild in das Kind “Ich bin falsch, denn meine Eltern dürfen etwas an mir praktizieren, was ich an anderen nicht umsetzen darf, also muß der Fehler bei mir liegen.”
Ich beschreibe mich hier mal als pathologisches Fallbeispiel. Eltern reproduzieren unreflektiert die eigenen Kindheit, die sehr traumatisch war, lassen jedoch größtenteils physische Bestrafung weg. So werden die Abneigungen, die sie selbst erlebt haben projiziert plus der Aspekt, daß der Umkehreffekt dazu kommt, soll heißen, daß die Eltern unliebsame Teile der ja nicht hinterfragten eigenen Eltern auf das Kind übertragen werden, weil es für ein unterdrücktes Kind niemals sein dürfte die Eltern als fehlerhaft zu sehen.
Kind wird also im Verhalten negativ bewertet, gibt Erlebtes weiter, wird in seinem Sozialisierungsversuch negativ bewertet und so bildet sich das Bild, wie das Kind auf andere wirkt. Das ist natürlich nicht der ausschließliche Faktor, denn in einer gesunden Familie, kann das Kind sich die Freiheit nehmen selbst zu sehen, in einer autoritären Familie jedoch wird es gesehen. Was nicht heißt, daß es nicht auch dort selbst Beobachtungen anstellt, diese jedoch müssen zugunsten der übermächtigen Erwachsenen untergeordnet werden.
So kommt es dann auch zu der Spirale, daß wir uns immer wieder Menschen aussuchen, mit denen wir die gleichen Konflikte haben, die im Verhalten die gleichen Eigenarten aufzeigen, wie die Eltern, oder eben das näheste Umfeld - solange wir uns nicht erlauben das Verhalten der eigenen Eltern zu hinterfragen. Wir gehen raus und die Menschen reagieren alle ähnlich auf uns.
Beispielsweise hatte sich in mich das Selbstbild eingebrannt, nahezu monströs zu sein, bösartig, schlecht, auf keinen Fall liebenswert, das hatte ich immer im Hinterkopf bei Begegnungen mit anderen Menschen. Vor allem eben die Angst, mein Gegenüber könnte meine Schlechtigkeit durchschauen und genau aber, weil ich vor allem durch meine Körpersprache und die Art der Konversation dieses Bild mit jeder Zelle spiegelte, reagierte dann auch meine Umwelt so auf mich. Die Reaktionen des Gegenübers waren entsprechend dem, wie ich es erwartete. Sprich, weil ich mich klein und häßlich machen ließ und machte, wurde ich von außen auch so wahrgenommen.
Alles fiel im Prinzip wieder auf das Selbstbild durch die Eltern zurück - das mag jetzt in einer Umgebung, in der Kinder sich vielleicht natürlicher selbst erproben können, ohne eingreifende Instanz, stark abgeschwächt sein, oder vielleicht nahezu aufgehoben. Jetzt gehe ich jedoch von der Durchschnittsfamilie aus, deren Prinzip auf Beurteilung von gut und böse basiert, so präsentieren sich die Eltern schon als richtende Instanz und vermitteln gerade mit empfohlenen Erziehungsmethoden Unzufriedenheit.
Das hört sich jetzt fast ein bisschen an, wie ein Plädoyer gegen homeschooling, aber Nein, das ist es in keinster Weise, sondern vielmehr wollte ich damit aufzeigen, wie grundlegend wichtig das respektvolle Miteinander in der Familie für das Selbstbild nach außen ist und zusätzlich, wie wenig ich dadurch glaube, daß Schule als Sozialisierungsfaktor in Frage kommt. Letztenendes läuft sogar die Art, wie man Bekanntschaften, Freundschaften und Beziehungen knüpft und umsetzt auf diesen Aspekt hinaus, so daß sich gleichzeitig die Zweifel, ob denn mein Sohn überhaupt Freundschaften schließen kann, wenn er nicht in die Schule geht, beginnen aufzulösen.
Leider gelingt es mir nie so recht konzentriert eine Linie zu halten, um schlüssig zu argumentieren, aber ich glaube das Wesentliche ist mir doch gelungen und es würden mich brennend Deine Meinungen dazu interessieren!!!
Liebe Grüße
Bea (Wilde Blume)