Am morgigen Donnerstag, den 12. Februar 2009, von 13:05 bis 14:00 Uhr findet im Rahmen der Sendung „Nordwestradio unterwegs„  eine Podiumsdiskussion statt, die live im Radio übertragen wird und auch als livestream im Internet gehört werden kann. Nähere Informationen zu den Frequenzen und Empfangswegen gibt es unter http://www.radiobremen.de/nordwestradio/frequenzen

Teilnehmer sind Neubronners, Prof. Ladenthin (zugeschaltet), jemand von der GEW-Lehrergewerkschaft – und man versucht auch noch, jemanden von der Bildungsbehörde vors Mikrophon zu bekommen.

Für diejenigen, die in der Nähe wohnen: Die Aufzeichnung ist öffentlich und findet in der „Schulgeschichtlichen Sammlung“, Auf der Howisch 61-63, in Bremen-Hastedt statt.

Familie Neubronner ist wohl Deutschlands bekannteste Homeschool-Familie. Sie selbst nennen sich „Freilerner“ um auszudrücken, dass sie dem informellen, intrinsisch motivierten Lernen den Vorzug geben und nicht einfach die Schulstunden mit Unterricht im 45-Minutentakt und streng nach Lehrplan ins eigene Zuhause verlegen. Vergangenen Dienstag, am 3. Februar 2009, wurde ihre Klage auf Befreiung ihrer Söhne Thomas und Moritz von der Schulpflicht vom Oberverwaltungsgericht Bremen in zweiter Instanz abgelehnt.

Wieder einmal wurde obergerichtlich darauf verwiesen, dass in Deutschland die Schulpflicht streng als Schulbesuchspflicht gilt und Homeschooling, Hausunterricht, freies Lernen ohne Schulbesuch keine Chance auf Anerkennung haben. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn die betroffenen Familien bereit zur Zusammenarbeit mit Schulen und Behörden sind und die betroffenen Kinder bereit sind, sich an regelmäßigen Tests oder anderen Formen der Leistungs- und Wissensüberprüfung zu beteiligen.

Während mitten in Berlin in Schulen wahre Ghettos an Asozialität entstehen, wo Lehrer nicht mehr unterrichten können und Schüler nicht mehr lernen, wo weder Wissen noch gutes Sozialverhalten mehr vermittelt werden kann, wirft man den ca. 1000 deutschen schulbesuchsfrei lernenden Kindern und Jugendlichen immer noch vor, dass sie auf diese Weise kein adäquates Sozialverhalten erlernen würden und möglicherweise auch die akademische Bildung auf der Strecke bliebe. Die Realität straft diese Unterstellungen Lügen, wie sich immer wieder erweist. Doch was nicht sein soll, darf nicht sein, und an der strikten Schulbesuchspflicht wird nicht gerüttelt. Ganztagsschulpflicht, Kindergartenpflicht und sogar Krippenpflicht scheinen weitaus eher durchsetzbar als die Abschaffung der Schulpflicht zugunsten einer Bildungspflicht, wie es beispielweise in unseren Nachbarländern Österreich, Frankreich, Belgien und Dänemark gehandhabt wird.

Doch Familie Neubronner gibt nicht auf. Die Söhne werden weiterhin als Freilerner in Frankreich ihre Bildung vervollkommnen, und auch der juristische Weg in Deutschland wird weiterverfolgt werden. Ein ausführliches Interview über das Warum und Wie des häuslichen Lernens der Neubronners erschien in der ZEIT Online am 04.02.2009: Keine Schule, kein Stress

Familie Neubronner, Mutter Biologin, Vater Berufsfachschullehrer, unterrichtet ihre beiden Söhne Moritz (12) und Thomas (9) seit 2005 zu Hause. Das ist möglich, weil der Vater und die Kinder ihren Lebensmittelpunkt nach Frankreich verlegt haben. Die Mutter lebt weiterhin in Bremen, die Familie betreibt dort einen Verlag. Vor zwei Jahren klagte die Familie erfolglos auf Befreiung von der Schulpflicht vor dem Verwaltungsgericht Bremen. Nun ging sie vor dem Oberverwaltungsgericht Bremen in Berufung, blieb aber erfolglos. Nun bleibt ihr die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision.

ZEIT ONLINE: Herr Neubronner, was haben Sie gegen die Schule?

Tilman Neubronner: Was ich an der Schule auszusetzen habe, ist der Zwang. Dass die Schule von sich behauptet, der einzig legitime Vermittler von Wissen und Sozialverhalten zu sein, und über die eigenen Erfolge keine Rechenschaft ablegen muss. Wir sind keine prinzipiellen Schulgegner. Doch eine zusätzliche Alternative würde das gesamte Schulwesen beleben.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie dazu, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen und selbst zu unterrichten?

Neubronner: Bevor wir nach Bremen kamen, haben wir im Allgäu gelebt und dort selbst eine Montessori-Schule mitgegründet. Wir haben unseren Sohn Moritz zwei Jahre als Schüler erlebt und gesehen, wie er von einem fröhlichen zu einem oft traurigen, misslaunigen und häufig kranken Kind wurde. In Bremen ging er kurz an eine Regelschule, auch unser Sohn Thomas wurde dort eingeschult. Beide reagierten sehr negativ auf die Schule. Nach drei Wochen haben wir das dann beendet.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich Moritz seitdem verändert?

Neubronner: Er ist vergnügt, steht morgens gerne auf und war in der Zeit nie wieder krank.

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Weitere Artikel zur neuesten Entwicklung im Fall Neubronner finden Sie in der WELT Online und FOCUS Online. Das Buch „Die Freilerner“ von Dagmar Neubronner erschien letztes Jahr im familieneigenen Genius Verlag.

Zum weiterlesen: ausführlicher Pressespiegel Teil 1 ud Teil 2

Der Dissertationspreis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der alle zwei Jahre für zwei herausragende Dissertationen verliehen wird, ging dieses Jahr an Dr. Sabine Frerichs und Dr. Thomas Spiegler. Thomas Spieglers Forschungsarbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen Home Education in Deutschland, das trotz massiver Abdrängung in die Illegalität Zuwachs verzeichnet. Thomas Spiegler begleitete über Jahre Familien, in denen die Kinder sich ohne Schulbesuch bilden und nahm an verschiedenen informellen und offiziellen Treffen und Tagungen der deutschen Hausschul- und Freilerner-Szene teil. Seine Promotionsschrift wurde unter dem Titel „Home Education in Deutschland: Hintergründe – Praxis – Entwicklung“ im VS-Verlag Wiesbaden veröffentlicht.

Das Foto zeigt Thomas Spiegler (damals noch Universität Marburg) im Gespräch mit Jan Edel (Verein Schulbildung in Familieninitiative – SFeV) beim letztjährigen Home Education Kolloquium auf Burg Rothenfels am Main.

Thomas Spiegler geht in seiner Arbeit, die erstmals konsequent die gesamte Bandbreite der Home Education in Deutschland qualitativ empirisch erforscht, den Fragen nach der Motivation, der Gestaltung und den Konsequenzen der Bildung ohne Schulbesuch nach. Außerdem analysiert er die Entwicklung, Zielsetzungen und neuerdings begonnene Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb der deutschen Home Education Szene. Er wägt ab zwischen Risiken und Chancen von Home Education und plädiert für eine angemessene Regelung dieses Bildungsweges.

Lesen Sie mehr:

Hier wird auf eine Aktion hingewiesen, der ich viele Unterstützer und Unterzeichner wünsche!

Nachfolgend ein Abschnitt aus einem Rundschreiben von Jörg Großelümern, Netzwerk Bildungsfreiheit, zur Ankündigung eines Offenen Briefes an Bundesbildungsministerin Schavan, und der Offene Brief, der auf der Website des Netzwerkes Bildungsfreiheit noch unterzeichnet werden kann:

Liebe Freunde der Bildungsfreiheit,

die Bundesregierung hat vor einigen Wochen einen Bildungsgipfel angeregt. Aus diesem Anlaß, sowie zum 70. Jahrestag des deutschen Schulzwangs, ist bei uns im Netzwerk durch Dagmar Neubronner die Idee entstanden, einen offenen Brief an Bundesbildungsministerin Frau Dr. Annette Schavan zu verfassen, der neben dem NBF auch von einer möglichst breiten Anzahl an Unterstützern unterschrieben werden sollte. Darin wird kritisch nachgefragt, warum einzig in Deutschland außerschulische Bildungsformen unterdrückt werden. Dieser Brief ist heute per Post an Frau Dr. Schavan abgeschickt worden. Wir konnten bei dieser Gelegenheit auch schon eine ganze Reihe von Erstunterzeichnern dafür gewinnen.

Wir dokumentieren diesen Brief und die Erstunterzeichner auf der folgenden Website: http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/html/offener_brief_schavan.html
Dort ist auch die Möglichkeit, den Brief nachträglich zu unterzeichnen und damit seine Unterstützung zum Ausdruck zu bringen.

Offener Brief:

Bundesministerium für Bildung und Forschung
Frau Ministerin
Dr. Annette Schavan
-persönlich-
Hannoversche Straße 28-30
10115 Berlin

Sehr geehrte Frau Ministerin,

anlässlich des von Ihnen vorbereiteten Bildungsgipfels möchten wir mit vielen anderen betroffenen Familien auf eine Besonderheit des deutschen Schulsystems hinweisen, die in der öffentlichen Debatte um die Schulmisere bisher zuwenig Berücksichtigung findet:
In Deutschland wird die Schulpflicht seit 1938 als Schulzwang aufgefasst, der keine Bildungsalternativen zulässt. Dieses Instrument, bei dem alle Kinder und Jugendlichen dem Zwang zur physischen Anwesenheit in einem Schulgebäude unterliegen, trägt modernen Bildungserfordernissen in einer Informationsgesellschaft nicht mehr Rechnung und verhindert durch das staatliche Bildungsmonopol die notwendige schnelle Wandlung der Bildungsangebote.

In sämtlichen anderen europäischen Ländern und fast allen entwickelten Staaten weltweit (!) steht Schülern neben den privaten Schulen auch die Möglichkeit des „Distance Learning“ oder Freien Lernens mit Hilfe von Fernschulen und „Umbrella Schools“ zu Gebote. Diese Möglichkeit ist besonders angesichts zunehmend verlangter Mobilität für viele Familien wichtig. Deutsche Kinder haben diese Option aber nur, wenn sie im Ausland leben, prominent sind (siehe Brüder Kaulitz von der Jugendband Tokio Hotel) oder schulisch bereits vollkommen gescheitert (Flex-Fernschule in Baden-Württemberg oder Web-Individualschule in Bochum, Erfolgsquote 100 %).

Eine Erweiterung des Bildungsangebotes in Deutschland um diese modifizierte Form der Schulpflichterfüllung würde nicht nur diesen Familien helfen, die derzeit leider meist gezwungen sind, wie wir ins Ausland abzuwandern. Sie würde auch einen gesunden Konkurrenzdruck erzeugen und so mithelfen, unser Schulen schnell zu Orten zu machen, an denen gut und gerne gelernt wird. Ein Monopol hat noch nie zur Qualitätserhöhung beigetragen.

Die hervorragenden Ergebnisse des Freilernens für Lernen und Sozialisation können anhand zahlreicher Studien aus verschiedenen Ländern (außer Deutschland) eindeutig belegt werden. Die ungerechtfertigte Kriminalisierung des Freilernens führt nicht zu einem Eindämmen dieser erfolgreichen Lernform, sondern zu einer Abwanderung der an dieser Lernform interessierten Familien ins Ausland.

Wir haben den Eindruck, dass der Widerstand der Landesbehörden hauptsächlich auf Unkenntnis über die internationale Lage und unhaltbare Vorurteile über die Folgen einer Legalisierung zurückgeht. Dies möchten wir gern ändern und bitten Sie daher, uns anlässlich des Bildungsgipfels und im Vorfeld die Möglichkeit dazu zu geben.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Dagmar Neubronner / Diplom Biologin und Buchautorin „Die Freilerner“
Kuratorium Netzwerk Bildungsfreiheit

(und weitere Erstunterzeichner)

Ein Artikel aus NEUES DEUTSCHLAND, in der Printausgabe vom 17.03. zum Thema Homeschooling.

Letzte Konsequenz: Homeschooling

Die Schulpflicht erlaubt nur Ausnahmen, aber manche Eltern nehmen die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand

Von Tom Mustroph

 

Das deutsche Schulsystem löst Verunsicherung aus. Bildungspolitiker streiten über Schulsysteme, Bildungsexperten über Formen und Methoden. Eltern und Schüler sind aufgefordert, sich um die bestmöglichen Bildungschancen zu bemühen, sind aber tendenziell überfordert, die richtige Schule für ihre Kinder auszuwählen. Eine Konsequenz, die Eltern aus dieser Malaise ziehen, ist, die Sache der Bildung selbst in die Hand zu nehmen.

In Form der Mitarbeit bei Schulvereinen oder gar der Mitarbeit bei Schulgründungsvereinen unternehmen sie das häufig. Doch aus Sicht mancher Eltern sind auch hier Beharrungsmomente und Widerstände so groß oder die materiellen Möglichkeiten so begrenzt, dass sie den Weg der eigenverantwortlichen Bildung ihrer Kinder mit allerletzter Konsequenz gehen. Das bedeutet dann Homeschooling.

In der Bundesrepublik Deutschland ist das gesetzlich verboten. Nur Ausnahmen sind erlaubt. Bei langer Krankheit etwa dürfen Kinder zu Hause den Stoff halber Schuljahre nachholen. Eltern, die in einem Land arbeiten, in dem keine adäquate Schule zu finden ist, wird gestattet, den Unterricht ihrer Kinder zu Hause zu organisieren. Dabei gelten die deutschen Rahmenpläne. Doch auch über diesen Personenkreis hinaus betreiben Eltern in Deutschland Homeschooling. Zu einem Teil sind dies Eltern, die aus religiösen Gründen (es handelt sich meist um Christen) mit einem Teil des Schulstoffes nicht einverstanden sind. Es häuft sich aber auch die Zahl der Eltern, die wegen der Mängel der Schulen den Unterricht lieber selbst übernehmen wollen.

Carola Winter ist eine von ihnen. Die studierte Molekularbiologin hat ihren Sohn Max vor zwei Jahren wegen des häufigen Unterrichtsausfalls aus der ersten Klasse einer Grundschule genommen und zu Hause unterrichtet. In der oberen Etage des Einfamilienhauses im Grunewald ist eine Schulecke eingerichtet. Ein Schreibtisch steht dort, Lehrmaterialien sind in Fächern geordnet, Landkarten hängen an der Wand. Nicht immer fand der Unterricht hier statt. Manchmal sind Mutter und Sohn ins benachbarte Kinderzimmer gewechselt, manchmal sind sie in den Garten gegangen. Der Unterricht begann zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr, nachdem der Vater, ein Musiker, das Haus verlassen hatte und zur Arbeit gegangen war.

Ungefähr 90 Minuten haben sich die beiden mit den viel Konzentration erfordernden Aufgaben beschäftigt. Danach gab es eine lange Pause und dann waren, ebenfalls ungefähr 90 Minuten lang, sinnlichere Fächer wie Sachkunde an der Reihe. Die werden oft als Projektarbeit gestaltet. Max hat sich ein Thema ausgesucht, dazu recherchiert und das Wissen in einem Vortrag gebündelt.

An manchen Tagen haben die beiden im Garten Fangen gespielt. Eine Musikerin bringt dem Jungen Klavier- und Gitarrespiel bei. Am Nachmittag geht er mit Freunden zum Reiten und zu einem Töpferkurs. Oft kommen die Freunde auch ins Haus, so dass er Kontakt mit Gleichaltrigen hat. Einmal die Woche besucht er einen Hochbegabtenkurs für Biologie und Chemie. Freitags ist der Exkursionstag. Da ging es zum Beispiel in die Domäne Dahlem, um auf einer alten Waage Maße und Gewichte anschaulich zu machen oder ins KaDeWe, als dort ein Aussteller Kinder in avancierte Legotechnik eingeführt hatte.

Die bisherige Bilanz sieht aus Perspektive von Carola Winter positiv aus: »Wir haben festgestellt, dass wir viel schneller durch den Stoff kommen. Wir brauchen ungefähr ein Drittel der Zeit«, sagt sie. Orientierungspunkt waren die Berliner Rahmenpläne. »Über das Netzwerk Homeschooling, in dem auch einige an staatlichen Schulen angestellte Pädagogen mitarbeiten, sind wir an die Lehrerhandbücher gekommen. Die sind übersichtlich aufgebaut. Jede Schulbuchseite ist darin erklärt und es werden Vorschläge für Übungen und die Häufigkeit der Wiederholungen gemacht«, erklärt sie. Am Anfang hatte sie wegen der Schnelligkeit von Max befürchtet, dass er nur oberflächlich gelernt hatte. »Aber dann hatte ich mich überzeugt, dass das Wissen auch sitzt. Bei zuviel Wiederholungen hat sich Max gelangweilt. Also sind wir weitergegangen.«

In zweieinhalb Jahren Hausschule haben die beiden dreieinhalb Schuljahre absolviert. Auch sozial sieht sie Vorteile in ihrer Schulwahl. »Der Kontakt zum Kind intensiviert sich. Man weiß viel besser, womit es sich beschäftigt.« Max, zum Vergleich von Regelschule und Hausschule befragt, gibt der familiären Variante den Vorzug. »Es macht mehr Spaß. Ich lerne mehr«, sagt er. Dass seine Mutter nun die absolute Zentralgestalt seines Lebens ist, scheint den 9-Jährigen nicht zu stören. Gegenwärtig geht er allerdings wieder in die vierte Klasse einer Grundschule. »Wir hatten uns bemüht, für die Aufnahme ins Gymnasium eine externe Prüfung ablegen zu dürfen. Aber das wurde uns nicht gestattet«, erzählt die Mutter. Zugangsberechtigung für das Gymnasium ist das Halbjahreszeugnis der vierten Klasse.

Carola Winter ist keine dogmatische Hausschulverfechterin. Ihren jüngeren Sohn Martin hat sie im Herbst in die erste Klasse eingeschult. »Im Kindergarten war so viel Vorfreude auf die Schule erzeugt worden, dass ich ihm diese Erfahrung nicht nehmen wollte«, erklärt sie. Sie bedauert diese Art der Konditionierung für das Schulsystem ein wenig, richtet sich aber nach den Wünschen des Kindes.

Homeschooling in Deutschland ist mit einem gewissen Risiko behaftet. Weil es formal nicht erlaubt ist – es besteht Schulpflicht – werden Eltern manchmal geduldet, manchmal aber auch von staatlichen Stellen verfolgt. Die Homeschoolingszene weiß von Gerichtsverfahren und angedrohten Gefängnisstrafen zu erzählen. Carola Winter hat von Familien gehört, die es aus diesem Grunde vorgezogen haben, auszuwandern.

In anderen Ländern ist Homeschooling erlaubt. In den USA werden laut amtlicher Statistik 2,2 Prozent der Kinder zu Hause unterrichtet, das betrifft 1,1 Millionen Kinder (Stand 2003). In Großbritannien geht man von 50 000, in Australien von 20 000 Kindern aus. Außer der großen Gruppe religiös divergenter Eltern (40 Prozent der Homeschooling-Eltern in den USA haben sich aus religiösen Gründen dafür entschieden) gehören viele der Eltern, die Homeschooling wagen, den so genannten bildungsnahen Schichten an. Sie wollen ihren Kindern einen besseren Start ins Leben ermöglichen.

Für Homeschooling im Grundschulalter gibt es viele gute Gründe. Die Leistung von Grundschülern ist weniger vom Schulsystem als von der Intensität der Betreuung und Zuwendung abhängig, legen aktuelle Studien nahe. Engagierte Eltern können sich den Grundschulstoff wohl auch leichter erarbeiten. Mit einer ausgebildeten Grundschullehrerin will sich Carola Winter dennoch nicht vergleichen. »Ich kann mein Kind unterrichten. Für den Unterricht einer ganzen Klasse sind ganz andere pädagogische Fähigkeiten notwendig«, sagt sie klipp und klar. Von einer befreundeten Familie in den USA weiß sie, dass Homeschooling auch in höheren Klassenstufen erfolgreich sein kann. »Je höher die Klasse, desto mehr wird auf das eigenständige Erarbeiten gesetzt. Dennoch beschäftigt sich auch die Mutter mit dem Schulstoff und kann das Lernpensum in die richtigen Bahnen lenken«, hat sie erfahren.

Für bildungsnahe Eltern kann Homeschooling durchaus zur Alternative werden. Allerdings müsste sich da zuerst die deutsche Rechtssprechung von der Schulpflicht hin zur Pflicht auf Bildung verändern. Die Bildungspflicht wiederum gäbe Eltern die Möglichkeit, von den Schulen adäquate Leistung zu verlangen. Außerdem müsste die Schulaufsicht auch eine fachliche Kontrolle der Homeschoolingfamilien gewährleisten. Carola Winter wäre damit vollauf einverstanden.

Gegen die Umwandlung der Schulpflicht in eine Bildungspflicht spricht lediglich, dass die Schulfreiheit Tendenzen zur Parallelgesellschaft verstärken könnte. Schule als Instrument zur Zwangsassimilation wäre allerdings ein missverstandener Bildungsauftrag.

*Wiederholung der Sendung vom 31. März:

Montag, 31. März, 1.45 Uhr (NDR)
Dienstag, 1. April, 9.40 Uhr (MDR)
Dienstag, 1. April, 0.20 Uhr (rbb)
Freitag, 4. April, 10.15 Uhr (3sat)
Samstag, 5. April, 7.15 Uhr (hr-fernsehen)
 

Die Gäste der nächsten Sendung am 31.03.2008, 22.45 Uhr DasErste

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Dagmar und Tilman Neubronner

(Bremer Eltern, die gegen die gesetzliche Schulpflicht kämpfen und ihre Söhne zu Hause unterrichten)

Sie sind Deutschlands bekannteste „Homeschooling“-Familie. Seit zweieinhalb Jahren entziehen Dagmar und Tilman Neubronner ihre Söhne der gesetzlichen Schulpflicht und unterrichten Thomas (8) und Moritz (10) zu Hause.

Die Bremer wehren sich nicht aus Prinzip gegen das staatliche Schulsystem, sondern wollen nach eigenen Angaben lediglich ihre Kinder nicht gegen deren Willen zum Schulbesuch zwingen. Nun liegen sie deshalb im Clinch mit den Behörden: Ein Antrag auf Schulpflichtbefreiung wurde abgelehnt, die Familie flüchtete aus Angst vor Sorgerechtsentzug sogar ins Ausland.

Jetzt sprechen Dagmar und Tilman Neubronner bei „Beckmann“ über ihre ungewöhnlichen Lehrmethoden und erklären, warum sie „Homeschooling“ als Alternative zum Klassenzimmer sehen.

Wenn das nicht gute Nachrichten sind…

Die pädagogische Revolution hat begonnen. Von Christian Füller

Glaubt man, das sowas in Deutschland passiert?

In einem dieser 400 Quadratmeter weiten Areale treffen die Besucher nun zum Beispiel Lisa und Marie. Die beiden sechsjährigen Mädchen arbeiten gerade an ihrem Wochenplan – ganz allein. Eine Lehrerin ist zunächst nicht zu sehen. Nach und nach sind 80 Schüler zu entdecken. Auf einer Tribüne sitzen ein paar Schüler, die sich in Büchern vertieft haben. In einer Ecke ruht ein Mädchen sogar, auf Kissen gebettet. Hinter einem Raumteiler steht schließlich doch eine Lehrerin vor einer größeren Gruppe von Schülern und erklärt etwas. Wenn Gäste verwundert fragen, wo hier eigentlich gelernt wird, dann tippt sich Rektor Tlustek gern mal man an die Stirn: „Hier oben, im Kopf.“

Also, eine nicht alltägliche Artikel über unkonventionelle aber längst überfällige Schulreforme… lesenswert!

Ob es allerdings soweit kommt, dass Familien dieses Recht auf Freies Lernen zugestanden wird, bleibt noch offen….

Geben nicht hunderttausende Abiturienten und Studenten IRGENDWELCHER Fächer in genau den Schulfächern anderen Abiturienten NACHHILFE – und zwar wohl deshalb, weil die VORMITTAGS ACH SO QUALIFIZIERTEN, beamteten Lehrkräfte dieselbe Leistung (die die Bevölkerung und Politkern Eltern nicht zutrauen mögen) millionenfach bewiesenermaßen nicht erbringen??? Lernen also nicht die MEISTEN Schülerinnen und Schüler NACHMITTAGS von Eltern oder (meist) Gleichaltrigen BESSER genau das, was “man” nur den studierten Lehrkräften zu lehren zutrauen, wo diese aber erkennbar auf der ganzen Linie versagen?

Nur einfach so eine Frage.  Ich freue mich auf eure Einsichten!

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