Wenn das nicht gute Nachrichten sind…

Die pädagogische Revolution hat begonnen. Von Christian Füller

Glaubt man, das sowas in Deutschland passiert?

In einem dieser 400 Quadratmeter weiten Areale treffen die Besucher nun zum Beispiel Lisa und Marie. Die beiden sechsjährigen Mädchen arbeiten gerade an ihrem Wochenplan - ganz allein. Eine Lehrerin ist zunächst nicht zu sehen. Nach und nach sind 80 Schüler zu entdecken. Auf einer Tribüne sitzen ein paar Schüler, die sich in Büchern vertieft haben. In einer Ecke ruht ein Mädchen sogar, auf Kissen gebettet. Hinter einem Raumteiler steht schließlich doch eine Lehrerin vor einer größeren Gruppe von Schülern und erklärt etwas. Wenn Gäste verwundert fragen, wo hier eigentlich gelernt wird, dann tippt sich Rektor Tlustek gern mal man an die Stirn: “Hier oben, im Kopf.”

Also, eine nicht alltägliche Artikel über unkonventionelle aber längst überfällige Schulreforme… lesenswert!

Ob es allerdings soweit kommt, dass Familien dieses Recht auf Freies Lernen zugestanden wird, bleibt noch offen….

Lia schrieb dieses Kommentar und dabei hat sie die Weisheit der Dakota-Indianer genommen und in eine Diskussion über die öffentliche Schulsituation eingebracht…

Eine Weisheit der Dakota-Indianer besagt: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!”

Hört sich doch so simpel an, oder? Aber statt vom toten Pferd abzusteigen wurden in unserem beruflichen (und schulischem) Leben viele Methoden und Strategien - zum Teil bis zur Perfektion - entwickelt, um dem Unausweichlichen doch ausweichen zu können. Kommt Dir die eine oder andere der folgenden Strategien vielleicht bekannt vor?

1. Wir besorgen uns eine stärkere Peitsche.
2. Wir sagen: „So haben wir das Pferd schon immer geritten”.
3. Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
4. Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
5. Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
6. Wir bilden eine Task-Force, um das Pferd wiederzubeleben.
7. Wir kaufen Leute von außerhalb ein, die angeblich tote Pferde reiten können.
8. Wir schieben eine Trainingseinheit ein um besser reiten zu können.
9. Wir stellen Vergleiche unterschiedlicher toter Pferde an.
10. Wir ändern die Kriterien, die besagen, dass ein Pferd tot ist.
11. Wir schirren mehrere tote Pferde gemeinsam an, damit wir schneller werden.
12. Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, das wir es nicht mehr reiten können.”
13. Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es bessere oder billigere Pferde gibt.
14. Wir erklären, dass unser Pferd besser, schneller und billiger tot ist als andere Pferde.
15. Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung von toten Pferden zu finden.
16. Wir richten eine unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein.
17. Wir vergrößern den Verantwortungsbereich für tote Pferde.
18. Wir entwickeln ein Motivationsprogramm für tote Pferde.
19. Wir erstellen eine Präsentation in der wir aufzeigen, was das Pferd könnte, wenn es noch leben würde.
20. Wir strukturieren um damit ein anderer Bereich das tote Pferd bekommt.

Quelle: [leider unbekannt], aber ich habe es hier gelesen, danke Lia!  Überhaupt hat diesen Beitrag eine sehr interessante Wendung bei der Kommentare genommen!  Lesenswert, finde ich…

Ernsthaftes, ehrliches und differenziertes Feedback, aus dem natürlich auch Konsequenzen gezogen werden, trägt zur Verbesserung der Unterrichtsqualität bei. Eine Feedback-Kultur zu entwickeln bedeutet: Alle am Unterrichtsgeschehen Beteiligten sagen sich regelmäßig gegenseitig, was notwendig ist, damit alle sich im Klassenraum möglichst wohl fühlen und möglichst gut lernen können. Lese einen Auszug aus der neuen Publikation des Programms “Ideen für mehr! Ganztägig lernen.”

ES GEHT DOCH UM DIE KINDER:
WENN ELTERN UND SCHULE GEMEINSAME SACHE MACHEN …
Eine Arbeitshilfe zur Feedback-Kultur
Dagmar Schreiber • Anke Kliewe • Katja Witt

Geben nicht hunderttausende Abiturienten und Studenten IRGENDWELCHER Fächer in genau den Schulfächern anderen Abiturienten NACHHILFE - und zwar wohl deshalb, weil die VORMITTAGS ACH SO QUALIFIZIERTEN, beamteten Lehrkräfte dieselbe Leistung (die die Bevölkerung und Politkern Eltern nicht zutrauen mögen) millionenfach bewiesenermaßen nicht erbringen??? Lernen also nicht die MEISTEN Schülerinnen und Schüler NACHMITTAGS von Eltern oder (meist) Gleichaltrigen BESSER genau das, was “man” nur den studierten Lehrkräften zu lehren zutrauen, wo diese aber erkennbar auf der ganzen Linie versagen?

Nur einfach so eine Frage.  Ich freue mich auf eure Einsichten!

Ein Rundgang durchs Netz zeigt, daß das Thema Schule durchaus Salonfähig ist. Lehrer stöhnen, Eltern mosern, Schüler bocken, Arbeitgeber bemängeln, Politiker grübeln.

Wir wollen das heiße Eisen anpacken und fangen mit unterschiedlichen Eindrücke der aktuellen Stunde im Netz.

Zuerst möchte ich ein Handvoll Junge Männer (Schüler!) vorstellen:  Bei ihren Schul-Kritik Blog vereinen sie sehr professionel und ansprechend Schüler, Eltern sowie Pädagogen und diskutieren Schulthemen, wie sie in ihren Schulalltag vorkommen.  Einen Beitrag vor kurzem, Nach mir die Sintflut, hat besondere Fragen aufgeworfen zum Thema Schulreform, Schuländerung:

Wieso aber tun Eltern und Erziehungsberechtigte oder die Schüler selbst nichts oder wenig gegen Probleme wie ungerechte oder anzügliche Lehrer, unlogische Bestimmungen oder Gewaltentwicklung?

Das liegt meistens leider daran, dass sich bei vielen Schülern die Meinung durchsetzt: “Noch die paar Jahre und ich bin hier weg”. Die Misstände werden also akzeptiert und man begnügt sich mit der Vorstellung, dass bald ja alles vorbei sei.

Mit dieser egoistischen “Nach mir die Sintflut”-Einstellung verschließt man nicht nur die Augen vor den Problemen, man reicht diese auch an Generationen folgender Schüler weiter.

Wo diese Tatsachen verschwiegen werden, werden diese bald als Standard und normal angesehen und nicht weiter kritisiert.

Das macht nachdenklich und zugleich Mut:  denn wenn diese Junge Männer das Thema anpacken (und weitere folgen!), dann besteht doch Hoffnung, oder?

Von der Seite der Politik und Pädagogik kann man in der taz Artikel Nicht (nur) die Lehrer sind schuld lesen:

Dirk Hagener, einer der Evaluatoren und erfahrener Schul-Mann aus Hamburg, wo er eine Gesamtschule geleitet hat, kennt das Phänomen: “Das Letzte, was sich an Schulen positiv verändert, ist der Unterricht.”

Wenn Lehrer wenig motiviert seien, dann sei das schon Folge des Problems, meinte der FDP-Politiker Magnus Buhlert: “Lehrer werden im System demotiviert.<b>” </b>Wenn ein Lehrer versuche, eine heterogene Klasse “im Gleichschritt frontal zu unterrichten”, sei das natürlich äußerst stressig, fasst die Schulsenatorin ihre Sicht auf das Lehrerproblem zusammen. Sie würde gern “Assistenten” für den Unterricht in bestimmten Klassen einführen, “das wäre mir das allerliebste”. Bisher ist dafür jedoch kein Geld eingeplant.

Ferner wird im Artikel erklärt, daß “die Lehrer weiterführender Schulen nicht erfahren, was Pädagogen vorher festgestellt haben. Kenntnisse über frühere Förderversuche sind aber “für die pädagogische Arbeit wichtig”, räumt Jürgens-Pieper ein, Datenschutz-Probleme beim Übergang zwischen Schulen oder zwischen Kita und Schule “müssen bearbeitet werden”.

Es gibt immer wieder (aber leider noch sehr selten) (öffentliche) Institutionen, die diese Muster ERFOLGREICH durchbrechen.  Da denke ich an Enja Riegel und der Helene Lang Schule in Wiesbaden. 

Wenn wir über Bildungsvielfalt reden, dann müssen wir auch diesen Themen angehen.

  • Was heißt es, eine bereits existierende (öffentliche) Schule zu reformieren?
  • Welche Perspektiven kann man durch Schulgesetzänderungen schaffen, so daß es sich lohnt für Eltern und Schüler bei einer Veränderung tatkräftig mitzumachen?  (Wie kann man z.B. Behördengänge verkürzen, vereinfachen oder gar streichen?)
  • Welche Perspektiven haben Initiatoren von neuen Schulen (private), diese neue Schule “bald” realisieren zu können?  Wie kann man diesen Prozess beschleunigen oder vereinfachen?
  • Welchen Fragen fällt dir ein?  Bitte ein Kommentar!

Liebe Anitz,

danke für den interessanten Artikel! Ich kenne das Buch nicht, habe auch die anderen Bücher der Autorin nicht gelesen.

Aber das kenne ich sehr gut aus meiner eigenen Kindheit, von der Generation der Mütter (nicht Väter!) meiner Mutter: “Und wir benehmen uns dabei immer häufiger wie charakterlose Streber, die nur danach trachten, die anderen auszustechen, um auf dem dunklen Hintergrund des kläglichen Versagens der Nachbarin den eigenen Stern um so heller strahlen zu lassen.” (Man braucht lediglich “Nachbarin” durch z. B. “Schwägerin” zu ersetzen.)

Damals gab es nicht den Kult um die “Optimierung des eigenen Kindes”, dazu hatte man wohl a) genug Gottvertrauen, daß aus diesem bei entsprechender Erziehung schon was rechtes werden würde, und b) die entsprechenden Erziehungsmethoden (autoritär) noch nicht als evt. unangemessen in Zweifel gezogen.

Es ging damals um die Optimierung und entsprechende Präsentation des eigenen Hauses und Haushaltes, darum, bei wem man nun tatsächlich vom Boden essen könne, weil dieser sauberer und strahlender war als ein niegelnagelneuer Porzellanteller. Es ging darum, wer welches Gericht nun wirklich am besten kochen könne und all diese Hausfrauendinge. Natürlich verglich man auch die eigene Brut und stand mit sotzgeschwellter Brust da, wenn diese besonders reüssierte bzw. schob dieses Thema dezent in eine dunkle Ecke, wenn dem nicht so war, aber der Umgang mit der eigenen Brut war dennoch sehr viel natürlicher. (Vermutlich eben, weil man es nicht vorrangig als auf dem eigenen Mist gewachsen ansah, was aus der Brut wurde, sondern als mehr oder weniger Gottgegeben.)

Bei den heutigen Supermüttern gilt es selbstverständlich als Voraussetzung, um zu dieser Kaste gehören zu können, daß der Haushalt ebenfalls 1a-mäßig präsentabel ist, aber er steht nicht mehr im Mittelpunkt. Und eigenes Kochen ist sehr unwichtig geworden, genauso als ausreichend standesgemäß wird eine Versorgung mit den teuren der Feritg- oder Halbfertigprodukte angesehen. Das wäre damals undenkbar gewesen, was nicht selber gekocht oder gebacken oder eingemacht worden war, galt als unfein.

Die Welt der Familien war damals halt noch nicht ver-rückt worden. An der Spitze standen klar die Eltern, der Vater etwas höher als die Mutter, wenn es um den Autritt in der Welt draußen ging, die Mutter deutlich höher als der Vater in allen Belangen rund ums Heim (Haushalt und Kindererziehung). Die Kinder waren Nachkommen und Erben, Söhne z. B. häufig direkte Erben väterlicher Vornamen und väterlicher Betriebe/Geschäfte/Berufe. Die Familien hatten ja auch mehrere Kinder, so daß sich das auf sie gelegte Augenmerk automatisch aufteilte und damit für jedes dieser Kinder sanfter ausfiel als dies bei einem Einzelkind der Fall gewesen wäre. Es war nicht vorrangig wichtig, ob nun jedes Kind ein eigenes Zimmer hatte, selbstverständlich standen die Kinder in der zweiten Reihe hinter ihren Eltern.

Heute definieren sich Eltern nicht mehr über den Beruf (wobei ich die Betätigung der Mütter als Hausfrauen und Kindererzieherinnen auch als solchen werte), sondern stehen als Vasallen hinter ihren Kindern. Sie definieren sich über das, wie ihr Kind (mehr als ein oder zwei snd ja selten) in der Welt steht - und das schon von der Zeit vor dem Kiga an, wenn Mütter die Kids in Pekip-Gruppen und ähnliches schleppen und bereits da die Vergleicherei mit den anderen Kids beginnt.

Der Stellenwert der ursprünglich für das Selbstbewußtsein wichtigen Berufe von Vätern und Müttern ist einerseits durch im Hintergrund beständig drohenden Verlust von Anstellung oder eigenem Geschäft (strukturelle Verunsicherung) der Väter und andererseits durch die konsequent verlaufene Erniedrigung des Hausfrauen- und Mutterdaseins (ideologische Verunsicherung) nun völlig ausgehebelt worden. So gerieten gerade die Mütter unter einen weiteren Zwang, denjenigen, neben ihrem Dasein als “Familienmanagerinnen” auch noch außerhäußig erwerbstätig zu sein. (Eine “Familienmanagerin” braucht nicht mehr selbst Zuneigung zu geben und Kleinkinder im Arm zu halten, zu waschen, zu putzen, zu kochen, die Kinder zu hüten und mit ihnen zusammen zu sein, ihre Arbeit ist dann ebenso perfekt gelungen, wenn sie all diese Dinge wohlorganisiert an andere Personen wie Au-Pairs, Tagesmütter oder angesagte Kinderbetreuungseinrichtungen abgibt. Eine “Nur-Mutter” muß diese Dinge schon überwiegend selber tun, damit sie ihre Aufgabe als gelungen ansehen kann.)

Insofern könnte ich mir vorstellen, daß Gerlinde Unverzagts Konzentration auf die Mütter unserer Tage und das Ausblenden der dazugehörigen Väter keine Nachlässigkeit von ihr ist, sondern sehr bewußt (und zurecht) geschieht: Es sind m. E. heutzutage definitiv die Mütter, die durch ihr Tun und Unterlassen, durch ihre Forderungen und Verschmähungen, letztenendes aber gerade durch ihr mangelndes Selbstbewußtsein _als_ Mütter dazu beitragen und beigetragen haben, daß Familien nach einem ungeheuren Wandel nicht mehr sind und sein können, was sie einmal waren. Wenn die Familie nun aber in erster Linie am auf den Präsentierteller erhobenen Kind beurteilt wird, und wenn diejenigen, aus denen das Kind physisch hervorging, deutlichst geschwächt sind, dann ist es ja klar, daß am gelungenen Ergebnis Experten ihren Anteil gehabt haben müssen, sonst hätte es niemals gelingen können. Woraus die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Experten wiederum für weitere Betroffene abgeleitet werden kann und wird usw. (Daß auch Experten versagen, gerät immer schnell in Vergessenheit, und ich könnte mir denken, daß Gerlinde Unverzagt mit ihrem neuesten Buch ungewollt den Experten zu noch größerer Wichtigkeit verhilft, weil sich alle mit Begeisterung auf die versagenden Mütter stürzen werden, ein gefundenes Fressen für die aktuelle Familienpolitik … Es werden halt nun die Experten “von der anderen Seite” zu Wort kommen, die Kindheitsforschern, die immer schon wußten, daß zuviel Verkopfung schlecht ist etc., aber halt bestimmt _wieder_ Experten.)

Eigentlich bräuchten wir eine klare und vorbehaltlose Anerkennung der Mütter als Mütter, um diesem Teufelskreis zu entfliehen, in einem extrem patriarchalen Land wie Deutschland (ja, so erlebe ich Deutschland seit langem, ich bin übrigens Jahrgang 61) ganz besonders. Sogenannte Frauen”emanzipation” (hahaha) hat dies in Deutschland m. E. im übrigen zusätzlich verhindert.

Deine Eljascha

*******

Wie denkst du zum Thema “Supermuttis”?

*Anmerkung:  diese Artikel habe ich auch bei Genügsames Leben gepostet.

Was ich sehe, sind zwei Philosophien, die scheinen, ständig im Krieg zu sein:

1) die Bedürfnisse der Vielen überwiegen die Bedürfnisse der Wenigen oder des Einzelnen.

2) die Bedürfnisse des Einzelnen überwiegen die Bedürfnisse der Vielen.

Diese Schlacht ist nicht notwendig. Wir können 1) erreichen, indem wir uns 2) zu eigen machen. Ich behaupte, daß der Versuch ausschließlich Idee 1 in der Gesellschaft anzuwenden (etwa in der Schule?!) tatsächlich die Binde- und kooperative Natur der Gesellschaft zerstören würde. Die Zwangsumwandlung der freien Einzelpersonen in eine gefällige, nichts-in-frage-stellende Bevölkerung dient nicht die besten Interessen von den Vielen, denn wo ist dann Kreativität, Freude und Innovation?

Nur wenn wir die Freiheit haben, daß zu lernen was wir wollen, dem nachzugehen, was uns interessiert, werden wir effektiv die Bedürfnisse der Gesellschaft dienen, und folglich wird die Gesellschaft dadurch angereichert und erweitert. In der Suche nach Spock, als Kapitän Kirk, der die Vereinigung widersetzte, um Spock zu retten, setzte er die Bedürfnisse seines Freunds über die Seinen. Aber die Bedürfnisse Spocks waren seine Bedürfniss, denn er hätte nicht mit sich selbst leben können, hätte er nicht versucht seinen Freund Spock zu retten. Die Verfolgung schöpfte aller Tapferkeit und Kreativität der Mannschaft, die sich freiwillig an der Suche beteiligte und dadurch in ihrem Zweck vereinheitlicht wurden. Selbstverständlich waren sie erfolgreich, das sehen wir an die weiteren Star Treck Folgen!

Als Erzieher unsere Kinder erlauben wir uns die Freiheit, sie die Welt als eine wunderbare Ort zu sehen: um Forschungen anzustellen, Entdeckungen zu machen und das Leben verstehen zu lernen. Sie sind in der realen Welt jeden Tag und erfahren das Leben, wie es gelebt werden soll. Wir können ihnen zeigen, wie man die Gesellschaft dient (Macrowelt) durch das Erlernen und Erleben des Dienens zuerst in ihren unmittelbaren Umfeld, bei uns, zu Hause (Microwelt). Sie sind frei, ihre Interessen nachzugehen und ihre Neugierde zu stillen, worin liegen die Schlüssel zur Kreativität und Erfindungsgeist. Wir dienen die Gesellschaft, in dem wir die Bedürfnisse der Wenigen –oder gar des Einzelnen– nachgehen.

Der Tatsache das dieses soziale Lernen zu Hause stattfindet muß man sich bewusst werden lassen. Hier lernen unsere Kinder: generationsübergreifende und gesellschaftstauglich in einer Umgebung voller Annahme und Geborgenheit. Und wenn Disziplin, Korrektur, Zurechtweisung nötig sein sollte, dann geschieht dies eben auch durch Menschen, die diese Kinder nicht nur lieben, sondern, die dieses Kind über die Stunde, den Tag, die Woche, ja über das Schuljahr hinaus begleiten. Ich will damit sagen: Eltern haben eine tiefe Interesse daran, zu sehen, dass Kinder gedeihen, lernen und sich weiter entwickeln. Sie haben diese Interesse, zum einen, weil die Kinder eine natürliche Fortsetzung sich selbst sind, zum anderen haben sie diese Verantwortung, denn “Eltern haften für ihre Kinder”.

In jeder Institution (Schule, Kiga, Hort usw.), mögen da so viele engagierte, nette Menschen arbeiten, kann es nur eine schwache Abbild der herkömmliche Familie geben. Zu häufig sind Kinder überwiegend der Gesellschaft ihres Gleichen für zu viel Zeit des Tages überlassen. Die Möglichkeit, seine eigene Interesse nachzugehen in einer Umgebung der Geborgenheit ist nahezu unmöglich. Es herrscht Regel 1, die Bedürfnisse der Vielen überstimmen die Bedürfnisse des Einzelnen. Es mag eventuell wenige Lehrer geben, die aus dieser Situation eine annähernde gesunde Klima schaffen, um ein optimales, selbst bestimmtes Lernen zu ermöglichen. Aber allzu oft herrschen in der Schule andere Mächte: Lehrplanmacht, Zensuren, Klassengrößen von über 20 Kinder (das wäre eine kleine Klasse!). Dabei habe ich solche unangenehme Tendenzen nicht erwähnt, wie etwa Mobbing (unter Schüler wie auch unter Kollegen), Gruppenzwang (ebenfalls unter Schüler sowie Kollegen)…

Im Namen der Integration, im Namen der Bildung und im Namen der Sozialisation von Kinder werden sie verpflichtet (!), in Schulen zu gehen, um gesellschaftstauglich zu werden. Das da nicht optimale Arbeit geleistet wird, braucht man lediglich die Zeitung aufzuschlagen; mit den Unternehmer zu reden, die beklagen, dass es keine besondere Auslese unter den vielen “erfolgreiche” Schulabgänger zu finden sind. Und die Zahl der nicht “erfolgreichen” Schulabgänger steigt stets.

In einem Klassenzimmer ist die Primärfunktion des Lehrers die Massensteuerung. Gleichabhängigkeit hält die Herde zusammen: das ist das Positive an Gruppenzwang! Das Außerordentliche wird als Unannehmlichkeit angesehen, besonders wenn sie nicht auf dem Schulekalender oder in den Lehrplänen ist. Das Einverständnis wird erwartet: unabhängig von der Situation und wer das Material, die Umsetzung, das Ziel in Frage stellt, wird als Unruhestifter betrachtet. Das Lernen findet in 3/4 Stundentakt statt. Dies geschieht im Namen des Förderns der Gesellschaft, der Zufriedenheit der Bedürfnisse von den Vielen, durch das Ignorieren der Bedürfnisse von den Wenigen oder des Einzelnen.

Diese, m.E. verkehrte Denkweise verfolgt die Bundesregierung. Ich zitiere aus der Antwort auf Frau Frau Volkmanns Anfrage: Warum ist Heimunterricht nicht möglich?

[Der Erziehungsauftrag des Staates] richtet sich auch auf die Heranbildung verantwortlicher Staatsbürger, die verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben. Die Offenheit für ein breites Spektrum von Meinungen und Auffassungen ist konstitutive Voraussetzung einer öffentlichen Schule in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen.

Bedauerlicherweise sehe ich durch die Strukturen, die Schulen im Allgemeinen haben, gibt es nicht viel Spielraum, damit Kinder entdecken und umsetzten können, wenn es darum gehen soll, “verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben”: Sie haben keine Mitbestimmungsrecht über ihren schulischen Alltag. Es wird vom Staat her gesagt, wann sie da sein müssen, welche Fächer, in welche Reihenfolge, in welcher Intensität, begrenzt auf 45 Minuten Takt, wann sie Hunger verspüren dürfen, wann sie ihr Bewegungsdrang für ganze 10 Minuten nachgehen dürfen. Das Lerntempo wird höchstens von den Vielen gelenkt, meistens aber von den Einzelnen, hier ist selbstverständlich von der Lehrer die Rede!

Ferner heißt es:

Die allgemeine Schulpflicht dient dem legitimen Ziel der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags. Dieser Auftrag richtet sich nicht nur auf die Vermittlung von Wissen und die Erziehung zu einer selbstverantwortlichen Persönlichkeit.

Merkwürdigerweise herrscht die Meinung, man könne unter Fremdbestimmung (wie sie einfach durch festgelegte Lehrpläne durchgesetzt wird) lernen, ein selbstverantwortliche Persönlichkeit zu werden.

Meine Zusammenfassung ist, daß wir eine dynamische, emporkommende Gesellschaft erst und nur dann entwickeln werden, wenn wir von der Gedanke des kollektiven Lernen und Leben aufgeben und zu eine Familien orientierten Leben, Lernen und Bildung zurückfinden. Das, meine liebe Leserin, mein lieber Leser, wäre ein Familien freundliches Deutschland!

Wie siehst du diese Sachlage?

Schuldebatte

Über Eltern dürfen wir nicht schweigen

Von Christian Geyer

Das hört man gern. Die Debatte um das Turbo-Gymnasium scheint erste Früchte zu tragen. Die Politik reagiert. Eine “Bildungskompetenz” vorspiegelnde ministerielle Anmaßung wird als solche erkannt und in die Schranken gewiesen. Mehrere Ministerpräsidenten kündigen an, die ungemein schlampig und inkompetent durchgeführte Schulreform reformieren zu wollen.  Und zwar nicht irgendwann, sondern so, dass die Reform der Reform schon im übernächsten Schuljahr greifen könne, wie soeben Günther Oettinger erklärt. Regierungschefs ließen das gesellschaftliche Großthema bisher treiben. Nun ist man offenbar aufgewacht. Anders gesagt: Man ist jäh auf den Hosenboden gefallen, auf den zu setzen man den Fünft- und Sechsklässlern stereotyp empfiehlt, wenn man ihnen im Turbo-Gymnasium bis zu fünfzig Stunden Lernzeit pro Woche abverlangt - und sie damit um entscheidende außerschulische Lebenserfahrungen bringt, von der Überforderung der Eltern durch Dauernachhilfe zu schweigen. Jetzt rückt das Thema auf der politischen Agenda endlich dorthin, wo es hingehört:  nach ganz oben.

Je heftiger und öffentlicher der Streit um die Vorschläge zur Straffung des Unterrichts in concreto geführt wird, desto geringer die Gefahr, dass das Thema wieder in jenes entsetzlich verschwiemelte schulpolitische Klein-Klein zurücksackt, in dem es bisher feststeckte, klein- und schöngeredet von den knochentrockenen “Bildungsexperten”, welche gewöhnt sind, ihre administrativen Tischvorlagen zu humanistischen Manifesten hochzuschreiben. Da es im fachpädagogischen Betrieb wie nirgends sonst einen durch nichts zu irritierenden besserwisserischem Elan gibt, einen Mitteilungsdrang höchster Emsigkeit, braucht man sich um die Lebendigkeit der G8-Debatte fürs erste keine Sorge mehr zu machen. Was am Ende zählt, ist der politische Wille, sich über all diese Nickligkeiten hinwegzusetzen und Kindern ihre Kindheit zu sichern.

Ein boulevardesker Zungenschlag

Wer über Kindheit redet, darf über Eltern nicht schweigen. Sie bilden gleichsam den zweiten Debattenstrang des Themas. Hier mischt seit dieser Woche Lotte Kühn die Szene auf. Der Mutter von vier Kindern, die mit richtigem Namen Gerlinde Unverzagt heißt, war mit dem “Lehrerhasserbuch” ein Bestseller gelungen. Nun ist ihr neues Buch “Supermuttis” im Handel.  Der Untertitel - “Eine Abrechnung mit überengagierten Müttern” - ist nicht ganz korrekt, handelt es sich doch in Wahrheit um eine Abrechnung auch mit überengagierten Vätern. Kindheit ist demnach nicht nur durch eine Schule bedroht, die sich als Managerschmiede für Sechstklässler geriert, sondern nicht minder durch Eltern, die - von “Bildungsexperten” kirre gemacht - ihre Kinder überbehüten, eine overprotection betreiben, die wiederum die Kinder kirre, verwöhnt und maulig macht. Es ist das Pathos der Praktikerin, mit dem Lotte Kühn auch diesmal vielen Eltern aus dem Herzen sprechen dürfte.

Die abschätzige Art, mit der sie die akademischen Erziehungsbegleiter behandelt, hat bei ihr Methode. Da sie nicht nur vier Kinder erzieht, sondern ihr Urteilsvermögen mit einem gekonnt pamphletistischen Stil verbindet, macht sie den Besserwissern die Widerrede schwer. Das Phänomen Lotte Kühn zeigt ähnlich wie der Debattendurchbruch bei G 8: Manche Themen haben erst dann eine Chance, sachgemäß debattiert zu werden, wenn ein boulevardesker Zungenschlag einkehrt. Nur so werden sie aus der Sphäre des Verstiegenen, Verschrobenen und Manierierten herausgerissen, in der sie kaltgestellt waren.

Unter Lotte Kühns verfremdenden Blick erscheint der betuliche Perfektionismus, wie er sich heute mit der Idee der Kinderaufzucht verbindet, als historisch einmalige Idiotie. Unter Überschriften wie “Alles in Mutter”, “Der Kult ums Kind” oder “Ratschläge sind auch Schläge” legt die Autorin eine Aufklärungsschrift vor, die aller Fachpädagogik den letzten verbliebenen Schneid nimmt.

Mütter wie Treibgut

Dass die abstrakte, gleichwohl stets gegenwärtige Optimierungsidee nicht nur Kinder ruiniert, sondern auch Eltern unter einen bizarren Leistungs- und Konkurrenzdruck bringt, wird in Kapiteln dargelegt wie “Warum Mütter andere Mütter nicht leiden können”, “Warum hierzulande jeder einer Mutter erzählen darf, was eine gute Mutter ist” oder “Zickenterror, Stutenbissigkeit und Kampfmutterschaft”. Man wird, wie gesagt, in etlichen Passagen “Mütter” durch “Väter” ersetzen können. Eine Streitschrift wider den Zeitgeist als Expertengeist, wie sie deftiger und wahrer nicht zu wünschen ist.

Diese Autorin hat den Durchblick, den die “besserwisserische Expertenzunft” (Lotte Kühn) gerade verstellt: “Das überbordende Angebot an Ratschlägen verwirrt nicht nur, sondern lässt Müttern im medialen Stakkato immer neuer Fachbegriffe und Erkenntnisse die Ohren klingen. Wir Mütter schwimmen wie Treibgut im Meer modischer Erziehungsstrategien, konzentrierter Gesundheitsfürsorge und einfühlsamer Sicherheitsverwahrung unserer Kinder; wir leben ständig in der furchtsamen Erwartung, alles, was wir bisher getan haben, als falsch entlarvt zu sehen und an den Klippen der Optimierung des eigenen Kindes gestrandet zu sein. Und wir benehmen uns dabei immer häufiger wie charakterlose Streber, die nur danach trachten, die anderen auszustechen, um auf dem dunklen Hintergrund des kläglichen Versagens der Nachbarin den eigenen Stern um so heller strahlen zu lassen.”

Und tatsächlich geschieht an der Hand der Lotte Kühn etwas Sonderbares mit uns: Die schlichte, ganz und gar nicht romantisierende Beschreibung der früheren, noch am eigenen Leib erlebten Kindheit kommt uns wie das Protokoll einer großen Wurstigkeit aus einer versunkenen Welt vor. Sollte damals - vor gerade mal dreißig, vierzig Jahren - etwa nichts von dem eine Rolle gespielt haben, was uns heute als unbedingtes Gebot früh- und spätkindlicher Förderung vor Augen steht? Gab es noch keine Hirnforschung, die die Eltern dazu anhielt, ihre Kinder täglich mit “Anregungen” zu überhäufen, damit sich nur ja die Hirnzellen förderlich verschalten? War man damals gar noch frei von der Angst, “Fehler” im Umgang mit seinen Kindern zu machen, ihnen durch irgendwelche Nachlässigkeiten von heute einen “Schaden” für immer zuzufügen?

Unbeschwerte Kindheit

Lotte Kühn gesteht das Unsagbare: “Das Abendessen nahmen wir Kinder allein ein, denn meine Eltern wollten dann und wann für sich sein, ungestört von Kindergeplapper, Geschwisterstreit und umfallenden Saftgläsern. Was für ein egoistisches, kinderfeindliches Verhalten! Meine Mutter hätte bei den Müttern von heute wohl keine Chance gehabt, als gute Mutter zu gelten.”  Wie sind wir damals bloß alle davongekommen? Waren wir verwahrlost und merken es erst heute?

Wie es aussieht, brauchen wir nicht nur eine Debatte über das Turbo-Gymnasium. Wir brauchen eine Debatte über die Frage, wie Eltern wieder lernen können, sich selbst zu vertrauen. Eine Verständigung darüber, was wir unter unbeschwerter Kindheit verstehen wollen.  Unbeschwerte Kindheit, das hieße heute doch wohl auch dies: eine Kindheit unbeschwert vom Geschwätz unserer aufgeplusterten Kindheitsexperten.

Text: F.A.Z., 08.02.2008, Nr. 33 / Seite 33

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