Liebe Anitz,
danke für den interessanten Artikel! Ich kenne das Buch nicht, habe auch die anderen Bücher der Autorin nicht gelesen.
Aber das kenne ich sehr gut aus meiner eigenen Kindheit, von der Generation der Mütter (nicht Väter!) meiner Mutter: “Und wir benehmen uns dabei immer häufiger wie charakterlose Streber, die nur danach trachten, die anderen auszustechen, um auf dem dunklen Hintergrund des kläglichen Versagens der Nachbarin den eigenen Stern um so heller strahlen zu lassen.” (Man braucht lediglich “Nachbarin” durch z. B. “Schwägerin” zu ersetzen.)
Damals gab es nicht den Kult um die “Optimierung des eigenen Kindes”, dazu hatte man wohl a) genug Gottvertrauen, daß aus diesem bei entsprechender Erziehung schon was rechtes werden würde, und b) die entsprechenden Erziehungsmethoden (autoritär) noch nicht als evt. unangemessen in Zweifel gezogen.
Es ging damals um die Optimierung und entsprechende Präsentation des eigenen Hauses und Haushaltes, darum, bei wem man nun tatsächlich vom Boden essen könne, weil dieser sauberer und strahlender war als ein niegelnagelneuer Porzellanteller. Es ging darum, wer welches Gericht nun wirklich am besten kochen könne und all diese Hausfrauendinge. Natürlich verglich man auch die eigene Brut und stand mit sotzgeschwellter Brust da, wenn diese besonders reüssierte bzw. schob dieses Thema dezent in eine dunkle Ecke, wenn dem nicht so war, aber der Umgang mit der eigenen Brut war dennoch sehr viel natürlicher. (Vermutlich eben, weil man es nicht vorrangig als auf dem eigenen Mist gewachsen ansah, was aus der Brut wurde, sondern als mehr oder weniger Gottgegeben.)
Bei den heutigen Supermüttern gilt es selbstverständlich als Voraussetzung, um zu dieser Kaste gehören zu können, daß der Haushalt ebenfalls 1a-mäßig präsentabel ist, aber er steht nicht mehr im Mittelpunkt. Und eigenes Kochen ist sehr unwichtig geworden, genauso als ausreichend standesgemäß wird eine Versorgung mit den teuren der Feritg- oder Halbfertigprodukte angesehen. Das wäre damals undenkbar gewesen, was nicht selber gekocht oder gebacken oder eingemacht worden war, galt als unfein.
Die Welt der Familien war damals halt noch nicht ver-rückt worden. An der Spitze standen klar die Eltern, der Vater etwas höher als die Mutter, wenn es um den Autritt in der Welt draußen ging, die Mutter deutlich höher als der Vater in allen Belangen rund ums Heim (Haushalt und Kindererziehung). Die Kinder waren Nachkommen und Erben, Söhne z. B. häufig direkte Erben väterlicher Vornamen und väterlicher Betriebe/Geschäfte/Berufe. Die Familien hatten ja auch mehrere Kinder, so daß sich das auf sie gelegte Augenmerk automatisch aufteilte und damit für jedes dieser Kinder sanfter ausfiel als dies bei einem Einzelkind der Fall gewesen wäre. Es war nicht vorrangig wichtig, ob nun jedes Kind ein eigenes Zimmer hatte, selbstverständlich standen die Kinder in der zweiten Reihe hinter ihren Eltern.
Heute definieren sich Eltern nicht mehr über den Beruf (wobei ich die Betätigung der Mütter als Hausfrauen und Kindererzieherinnen auch als solchen werte), sondern stehen als Vasallen hinter ihren Kindern. Sie definieren sich über das, wie ihr Kind (mehr als ein oder zwei snd ja selten) in der Welt steht - und das schon von der Zeit vor dem Kiga an, wenn Mütter die Kids in Pekip-Gruppen und ähnliches schleppen und bereits da die Vergleicherei mit den anderen Kids beginnt.
Der Stellenwert der ursprünglich für das Selbstbewußtsein wichtigen Berufe von Vätern und Müttern ist einerseits durch im Hintergrund beständig drohenden Verlust von Anstellung oder eigenem Geschäft (strukturelle Verunsicherung) der Väter und andererseits durch die konsequent verlaufene Erniedrigung des Hausfrauen- und Mutterdaseins (ideologische Verunsicherung) nun völlig ausgehebelt worden. So gerieten gerade die Mütter unter einen weiteren Zwang, denjenigen, neben ihrem Dasein als “Familienmanagerinnen” auch noch außerhäußig erwerbstätig zu sein. (Eine “Familienmanagerin” braucht nicht mehr selbst Zuneigung zu geben und Kleinkinder im Arm zu halten, zu waschen, zu putzen, zu kochen, die Kinder zu hüten und mit ihnen zusammen zu sein, ihre Arbeit ist dann ebenso perfekt gelungen, wenn sie all diese Dinge wohlorganisiert an andere Personen wie Au-Pairs, Tagesmütter oder angesagte Kinderbetreuungseinrichtungen abgibt. Eine “Nur-Mutter” muß diese Dinge schon überwiegend selber tun, damit sie ihre Aufgabe als gelungen ansehen kann.)
Insofern könnte ich mir vorstellen, daß Gerlinde Unverzagts Konzentration auf die Mütter unserer Tage und das Ausblenden der dazugehörigen Väter keine Nachlässigkeit von ihr ist, sondern sehr bewußt (und zurecht) geschieht: Es sind m. E. heutzutage definitiv die Mütter, die durch ihr Tun und Unterlassen, durch ihre Forderungen und Verschmähungen, letztenendes aber gerade durch ihr mangelndes Selbstbewußtsein _als_ Mütter dazu beitragen und beigetragen haben, daß Familien nach einem ungeheuren Wandel nicht mehr sind und sein können, was sie einmal waren. Wenn die Familie nun aber in erster Linie am auf den Präsentierteller erhobenen Kind beurteilt wird, und wenn diejenigen, aus denen das Kind physisch hervorging, deutlichst geschwächt sind, dann ist es ja klar, daß am gelungenen Ergebnis Experten ihren Anteil gehabt haben müssen, sonst hätte es niemals gelingen können. Woraus die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Experten wiederum für weitere Betroffene abgeleitet werden kann und wird usw. (Daß auch Experten versagen, gerät immer schnell in Vergessenheit, und ich könnte mir denken, daß Gerlinde Unverzagt mit ihrem neuesten Buch ungewollt den Experten zu noch größerer Wichtigkeit verhilft, weil sich alle mit Begeisterung auf die versagenden Mütter stürzen werden, ein gefundenes Fressen für die aktuelle Familienpolitik … Es werden halt nun die Experten “von der anderen Seite” zu Wort kommen, die Kindheitsforschern, die immer schon wußten, daß zuviel Verkopfung schlecht ist etc., aber halt bestimmt _wieder_ Experten.)
Eigentlich bräuchten wir eine klare und vorbehaltlose Anerkennung der Mütter als Mütter, um diesem Teufelskreis zu entfliehen, in einem extrem patriarchalen Land wie Deutschland (ja, so erlebe ich Deutschland seit langem, ich bin übrigens Jahrgang 61) ganz besonders. Sogenannte Frauen”emanzipation” (hahaha) hat dies in Deutschland m. E. im übrigen zusätzlich verhindert.
Deine Eljascha
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Wie denkst du zum Thema “Supermuttis”?







